Einmalzahlung oder Dauerrente?

Wolfgang Mulke

Von Wolfgang Mulke

Sa, 04. August 2018

Wirtschaft

Die Planung des eigenen Ruhestands muss sorgfältig überdacht werden – sonst kann der Lebensabend in Armut enden.

Lieber Rente oder einen großen Batzen Geld? Eine Mehrheit der privat Rentenversicherten entscheidet sich bei Vertragsablauf für eine Einmalzahlung. Dabei unterschätzen die Kunden meist das Risiko, selbst sehr alt zu werden. Die Entscheidung sollte gut bedacht sein.

Ein Dreh am "Rad des Lebens" zeigt ein überraschendes Ergebnis. An der kleinen Pappscheibe des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) lässt sich die eigene Lebenserwartung ablesen. Der heute 57-jährige Mann erreicht so mit einer Wahrscheinlichkeit von gut 80 Prozent das Alter von 80 Jahren. Fast jeder Zehnte wird, statistisch betrachtet, das Jahrhundert voll machen. 50-jährigen Frauen steht noch viel mehr Lebenszeit ins Haus. Zwei Drittel von Ihnen erreichen wahrscheinlich das 90. Lebensjahr, mehr als jede Fünfte wird über 100.

Was menschlich erfreulich ist, kann finanziell zum Fiasko werden. Davor warnt der Wissenschaftler Jochen Ruß vom Ulmer Institut für Finanz- und Versicherungswissenschaften. Denn die staatliche Rente reicht oft nicht zum Erhalt des Lebensstandards. Zwar haben viele Haushalte zusätzliche private Rentenversicherungen abgeschlossen. Doch am Ende der Vertragslaufzeit entscheiden sich zwei von drei Kunden für die Auszahlung des angesparten Vermögens auf einen Schlag.

Viele Menschen rechnen nicht damit, so lange zu leben

"Das Risiko, länger zu leben als das angesparte Geld reicht, ist eines der am meisten unterschätzten finanziellen Risiken", sagt Ruß. Die Gründe dafür sind vielfältig. Manche wollen etwas vererben und ziehen die Einmalzahlung deshalb vor, oder sie verfügen bereits über ausreichend hohe Vermögen für den Rest des Lebens. Andere wiederum erliegen Ruß zufolge eigenen Fehleinschätzungen. So würden sich viele bei der Frage nach ihrer Lebenserwartung am Sterbealter der Eltern orientieren und errechnen auf dieser Basis ihren finanziellen Bedarf im Alter. Dabei ist die Lebenserwartung inzwischen deutlich gestiegen. Auch sei der Wunsch, sofort etwas zu besitzen, eine generelle menschliche Triebfeder.

"Die Rentenversicherung wird nach falschen Kriterien bewertet", schließt der Forscher. Die Absicherung des Lebensunterhalts bis zum Lebensende werde als weniger wichtig als eine gute Verzinsung eingestuft. Deshalb plädiert Ruß für die lebenslange Zahlung, zumindest für Haushalte im Mittelstand. Bei den Wohlhabenden spiele die Privatrente ohnehin keine existenzielle Rolle, für Haushalte mit geringer gesetzlicher Rente lohne die Auszahlung eventuell mehr, weil bei der Grundsicherung im Alter etwaige Privatrenten angerechnet werden.

Die Branche will unter anderem mit dem "Rad des Lebens" das Augenmerk auf das Thema lenken. Allerdings müssen sich die Versicherungen einen gewissen Vertrauensverlust zuschreiben lassen. Ein Beispiel liefert gerade das Unternehmen Generali, das seinen Bestand von vier Millionen Verträgen an einen Abwickler veräußert. Auch der Umgang mit den komplizierten Bewertungsreserven zulasten vieler Versicherter hat das Ansehen der Sparte nicht gerade gehoben. "Mit dem Vertrauensverlust müssen wir uns auseinandersetzen", räumt GDV-Geschäftsführungsmitglied Peter Schwark ein. Ein Risiko bestehe beim Verkauf von Vertragsbeständen nicht, betont er. Tatsächlich unterliegen Verträge deutschem Versicherungsrecht, selbst wenn ein ausländischer Aufkäufer Eigentümer wird. Das gilt auch für zugesagte Leistungen. Der Finanzexperte der Grünen im Bundestag, Gerhard Schick, sieht das anders. Die langfristige Beteiligung an den Überschüssen könne sinken, die Kapitalausstattung und der Service schlechter sein, warnt Schick.

Auch die zu zahlenden Steuern müssen berücksichtigt werden

Vor Ablauf des Vertrages, meist drei Monate vor dem Stichtag, erhält der Kunde ein Schreiben der Versicherung. Dann muss die Entscheidung zwischen Einmalzahlung oder Dauerrente getroffen werden. Fällt die Entscheidung für eine Rente, ist das Zusatzeinkommen bis ans Lebensende gesichert. Es gibt aber verschiedene Modelle. "Nur mit der bei Vertragsbeginn garantierten Rente kann ein Kunde von vornherein sicher planen", sagt die Stiftung Warentest. Die Unternehmen haben drei unterschiedliche Modelle im Angebot. Bei der "Konstanten Rente" wird eine angenommene Überschussbeteiligung gleich mitbezahlt. Erreicht die Versicherung die prognostizierte Verzinsung, kann die Rente aber sinken. Die "Teildynamische Rente" steigt mit den Jahren leicht an und bleibt wenigstens auf dem erreichten Niveau. Beim dritten Modell, der "Volldynamischen Rente" ist die Auszahlung anfangs niedriger als bei der konstanten Rente. Durch Überschüsse erhöht sie sich jedoch von Jahr zu Jahr. Die Stiftung Warentest rät zu einer dynamischen Rente, wenn jemand sichergehen will, dass eine einmal erreichte Rentenhöhe garantiert nicht mehr sinken soll.

Auch mögliche Steuern sollten bei der Frage nach einer Einmalzahlung oder Verrentung beachtet werden. Bei Verträgen, die vor dem Jahr 2005 abgeschlossen wurden, bleibt die Einmalzahlung steuerfrei. Von der Rente muss hingegen ein kleiner Teil, der vom Alter beim Rentenbeginn abhängt, versteuert werden. Beginnt die Zahlung mit 61 Jahren, sind es 22 Prozent, mit 67 Jahren nur noch 17 Prozent.