Brexit

Frankfurter haben Angst vor hohen Mieten

Gerhard Kneier

Von Gerhard Kneier

Do, 04. August 2016

Wirtschaft

Die Preise sind ohnehin hoch, bald könnte der Zuzug aus London die Lage verschärfen.

FRANKFURT. Die Stadtverwaltung hat die Einwohner gefragt, und die Antwort fiel eindeutig aus: 45 Prozent der Frankfurter halten die Wohnungsknappheit, hohe Mieten und teure Häuser für das drängendste Problem. Nach dem britischen Votum für den Austritt aus der EU könnten sich die Schwierigkeiten noch verschärfen. Viele Tausend Investmentbanker und andere Brexit-Geschädigte könnten in die Finanzmetropole am Main umziehen, weil sie ihre Geschäfte lieber in der EU erledigen wollen als in London.

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) wirbt auf nationaler und europäischer Ebene für Frankfurt als Finanzstandort. So stehen die europäische Bankenaufsicht EBA mit 159 und die Arzneimittelaufsicht EMA mit 600 Mitarbeitern auf der Wunschliste des Politikers.

Zwar buhlen auch andere EU-Länder um deren Sitz. Aber es geht auch um viele andere Betriebe und Banker, die umziehen könnten, wenn die Briten die EU verlassen. Da hat Frankfurt mit großem Flughafen, günstiger Verkehrslage, dem Sitz der Europäischen Zentralbank, vieler Geschäftsbanken, wirtschaftlicher Stärke und großem Kulturangebot viel zu bieten.

Der Frankfurter Mieterverein befürchtet daher, dass das Angebot an Mietwohnungen noch knapper wird, sagt Mitarbeiterin Petra Schulte. "Es gibt ja durchaus schon Wohnungsnot, und die wird sich dann noch verschärfen", warnt sie.

Für fragwürdig hält die Mieterschützerin die Vorstellung, die Neuankömmlinge aus London würden nur teure Luxuswohnungen suchen. Auch sei wohl kaum mit dem vielfach beschworenen Sickereffekt zu rechnen, wonach einkommensstarke Mieter in teurere Wohnungen wechseln und so die preisgünstigeren für andere Wohnungssuchende mit geringeren Löhnen freimachten. "Die nach dem Brexit aus London nach Frankfurt ziehenden Banker machen ja hier gar keine Wohnungen frei", argumentiert Schulte. Eher sei ein Verdrängungswettbewerb zulasten Schwächerer zu befürchten.

Der Mieterverein beklagt fehlende Sozialwohnungen

Laut der Landesregierung werden nur drei Prozent der neu gebauten Wohnungen als Sozialwohnungen öffentlich gefördert. "Das ist vollkommen unzureichend. Um die Nachfrage zu decken, müssten es 20 Prozent sein", findet Schulte.

"Keinen Grund zur Panik" sieht dagegen Frank Alexander, Vorstand Rhein-Main des Deutschen Immobilienverbands. Zum einen werde sich der Zuzug nicht von heute auf morgen vollziehen, zum andern nicht nur Frankfurt, sondern auch das Umland betreffen. "Nicht alle Banker werden gleich ihre Kinder aus der Schule nehmen, viele erst einmal pendeln und von daher zunächst nur ein Apartment beziehen."

Das Potenzial möglicher Umzugskandidaten liege zwar bei rund 20 000, sagt Alexander. Aber von denen würden schon wegen des strengen deutschen Arbeitsrechts nicht alle nach Frankfurt kommen. Als Verlierer eines möglichen Verdrängungswettbewerbs sieht Alexander eher manche aus der Mittelschicht als die Bezieher niedriger Einkommen, für die ja mit dem Bau von Sozialwohnungen einiges getan werde.

Der neue Frankfurter Planungsdezernent Mike Josef (SPD) sieht Grund zur Sorge. "Wir haben in Frankfurt 30 000 Sozialwohnungen mit abnehmender Tendenz, aber 10 000 Menschen auf der Warteliste – mit steigender Tendenz", berichtet sein Referent Kolja Müller. Klar sei, dass die Stadt mehr Wohnfläche brauche. "Da darf es keine Denkverbote geben", fügt er mit Blick auf den regelmäßigen Streit über Neubauareale hinzu. "Das Thema Wohnungsnot und Mietsteigerung ist die größte Herausforderung in der Stadt, und da warten wir nicht, bis klar ist, wie viele Banker aus London kommen." Josef befasse sich damit seit seinem Amtsantritt Mitte Juli, sagt der Referent. Nachverdichtung vorhandener Quartiere, Umwandlung von Büro und Gewerbefläche und eben die Ausweisung neuer Wohngebiete – all das sei erforderlich.