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12. Juli 2017

Japan fehlen Arbeitskräfte und kaufwillige Kunden

Personalintensive Branchen müssen bereits ihren Service einschränken oder gänzlich schließen / Unternehmen locken Mitarbeiter mit Festanstellung statt Befristung.

  1. Nicht alternder Mitarbeiter Foto: dpa

TOKIO.   Es gab Zeiten, da hätten Ökonomen von paradiesischen Zuständen gesprochen. Im Mai konnten in Japan 100 Jobsuchende unter 149 Stellenangeboten auswählen. Dieser statistische Wert wurde mit dem Faktor 1,53 zuletzt vor 43 Jahren getoppt, als sich das fernöstliche Industriereich auf den Weg in die wirtschaftliche Weltspitze begab. In der Megacity Tokio liegt der aktuelle Wert sogar bei bisher nie erreichten 2,07 Stellen pro Nachfrager. Dementsprechend verharrte Nippons Arbeitslosenquote im April mit 2,8 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit Juni 1994. Die Erwerbsquote erreichte mit 60,8 Prozent den höchsten Wert seit 2008.  

 Paradiesische Zustände? Vielleicht, aber mit Tücken. Japans Wirtschaft arbeitet nun am Rande ihrer Kapazität. Über ein Drittel der Firmen findet nicht genügend geeignete Bewerber. Schuld daran ist maßgeblich die beängstigende demografische Entwicklung. Die Zahl der Japaner im erwerbsfähigen Alter ist seit dem Höhepunkt 1995 um elf Prozent auf 77,2 Millionen geschrumpft. Durchschnittlich sinkt deren Zahl derzeit jährlich um etwa 700 000. Es gibt sogar schon Prognosen, die den Arbeitsmarkt bis 2065 auf 45 Millionen Personen sinken sehen. Bisher konnte das durch die Mobilisierung der Rentnerarmee gemildert werden. Nach jüngsten Zahlen des Statistischen Amtes sind mit mehr als 34 Millionen Einwohnern derzeit über 27 Prozent der japanischen Bevölkerung im Rentenalter, mehr als ein Viertel. Eine Rekordzahl von ihnen – 7,3 Millionen – arbeitet. In der Alterspanne der 65- bis 69-Jährigen waren im vergangenen Jahr über 52 Prozent der Männer und fast 32 Prozent der Frauen erwerbstätig.

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   Aber inzwischen ist diese Reserve beinahe erschöpft. Viele Senioren arbeiten sogar weit über das Alter von 70 oder sogar 80 Jahren hinaus. Sie verdienen Geld, weil sie müssen, nicht unbedingt, weil sie wollen. Die Rentenbezüge sind extrem niedrig, nur wenige können davon leben. Nach einer jüngsten Erhebung fallen 40 Prozent der japanischen Rentner unter die offizielle Armutsgrenze.  

  Weil die Jungen aufgrund der sinkenden Geburtenrate immer weniger werden und Frauen unter beruflicher Diskriminierung leiden, trocknet der Arbeitsmarkt allmählich aus. Zuwanderung ist politisch generell nicht gewollt und wird allenfalls in Einzelfällen – wie im Tourismus und der Hotellerie – geduldet, weil dort spezielle Sprach- oder Sachkenntnisse verlangt werden. In der Folge müssen immer mehr personalintensive Branchen wie Logistik, Bau, Pflege und Massengastronomie ihren Service einschränken oder gänzlich einstellen.    Neuerdings tauchen selbst an den beliebten Nudel- oder Reistopfrestaurants der japanischen Großstädte Schilder mit dem Hinweis "Geschlossen wegen Personalmangels" auf.

Vor allem die rund um die Uhr geöffneten Fastfood-Ketten Yoshinoya, Matsuya und Sukiya, die zusammen jährlich 2,5 Milliarden Euro umsetzen, stoßen an ihre Grenzen. Marktführer Sukiya mit 2000 Filialen und rund 40 000 Beschäftigten geht dazu über, in den Nachtstunden mit einem einzigen Mitarbeiter den gesamten Laden von der Küche bis zur Bedienung schmeißen zu lassen.

   Damit aber nicht genug der Probleme. Es fehlen nicht nur qualifizierte Arbeitskräfte, es schrumpft gleichzeitig die zahlungskräftige Kundschaft. Vier von zehn japanischen Unternehmen rechnen in den kommenden drei Jahren mit sinkenden Umsätzen, ermittelte das Institut Nikkei Research. "Der Binnenmarkt bricht weg und es gibt nichts, was wir dagegen unternehmen könnten", klagt einer der mehr als 500 befragten Manager kleiner oder mittelständischer Firmen.

Die Folgen sind bereits zu spüren. Sinkt die Zahl der verdienenden Familienmitglieder, verringern sich auch die privaten Ausgaben der Haushalte. Im April gab es den amtlichen Statistikern zufolge beim privaten Konsum ein Minus von 1,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Vor allem an den großen Positionen wie Auto und Immobilie wird kräftig gespart.   

Es gibt aber auch einen positiven Trend am Arbeitsmarkt, den optimistische Ökonomen bereits als Wende feiern. Der Mangel an Arbeitskräften führt bei einigen Unternehmen zum radikalen Umdenken. Bisher galt, umso mehr Zeitarbeiter, desto mehr Flexibilität. Nun aber werden immer mehr Festanstellungen angeboten, um überhaupt Personal zu finden. Derzeit entfallen auf 100 Arbeitssuchende 99 feste Stellen. Diese Angebote sind deutlich besser bezahlt als Teilbeschäftigung – und Jobsicherheit gilt in Japan nach wie vor als hohes Gut.    Aber vor allem kleine und mittlere Firmen sehen diese Entwicklung mit Sorge. Sie fürchten um ihre Konkurrenzfähigkeit. Sie fürchten, dass Personal nicht einmal mehr mit dem Angebot einer festen Anstellung zu finden ist. Es bleibt ihnen nur noch, deutlich höhere Löhne zu zahlen. So erwarten die Analysten von Morgan Stanley in Tokio, dass die Stundenlöhne schon im kommenden Jahr um drei Prozent zulegen werden.    Dies aber – so kalkuliert die japanische Notenbank – wird über kurz oder lang auch die Preisentwicklung antreiben und im günstigsten Fall das seit mindestens einem Jahrzehnt wirkende Deflationsgespenst vertreiben. Davon ist allerdings aktuell noch nicht viel zu spüren. Im Mai registrierten die Zentralbanker in Tokio, dass die Verbraucherpreise wie auch schon im Monat zuvor im Jahresvergleich lediglich um 0,4 Prozent gestiegen sind. Die Notenbank rechnet in ihrer Statistik gern Lebensmittel und Energie aus der Inflationsrate heraus, dann steht unter dem Strich eine Null. Bisher haben es auch steigende Löhne und Nahezu-Vollbeschäftigung nicht vermocht, die niedrige Inflationsrate in Japan in die Höhe zu treiben. 

Autor: Angela Köhler