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10. Mai 2013 15:01 Uhr

Arbeitsmarkt

Mehr Elsässer queren den Rhein

Fachkräftemangel hier, Arbeitslosigkeit dort: In einigen südbadischen Grenzregionen arbeiten wieder mehr Franzosen als zuletzt. Impressionen aus dem Leben der Grenzgänger.

  1. Jérémy Helmrich dichtet ein Dach in Kehl ab. Der Elsässer freut sich über einen unbefristeten Job. Foto: Schuler Max

Jérémy Helmrich fasst das Leben vieler junger Elsässer in kurze Worte: keine Arbeit, kein Geld, kein Kredit, kein Haus. Für den 25-jährigen Zimmermann ist das kein akzeptabler Zustand. Darum fährt er täglich von Brumath über den Rhein nach Kehl, um als Dachdecker zu arbeiten. Er ist der Erste, dem eine neue in Kehl ansässige deutsch-französische Arbeitsvermittlung einen Job besorgte. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) nimmt in einigen südbadischen Regionen die Zahl der französischen Pendler nach jahrelangem Rückgang nun wieder leicht zu.
Helmrich steht in der Kanzel eines Hubwagens und blickt über die Dächer von Kehls Hauptstraße. "Leider hat mein Vater kein Elsässisch mehr gelernt", sagt er. Der Sohn wäre froh, wenn er den Dialekt sprechen könnte. "In der Schule lernen alle Englisch und Spanisch. Es wäre besser, wenn einige Deutsch lernen, weil Deutschland in der Nähe ist und es dort Arbeit gibt", sagt Helmrich.

Der kräftige junge Mann verdiente sein Geld nach der Ausbildung fünf Jahre lang als Zimmermann. Dann krachte ihm ein 600 Kilo schwerer Balken aufs Schienbein, wie er erzählt. Der Arzt habe ihm geraten, eine neue Stelle zu suchen. Doch Jobs sind in Frankreich oft befristet. Drei, vier Monate danach sei er wieder arbeitslos gewesen. "Eine Ausbildung in Frankreich zu bekommen ist nicht schwer – aber kaum einer wird im Betrieb übernommen", sagt der Elsässer.

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Die französische Ausbildung ist sehr schulisch geprägt

Seit einem Monat arbeitet Helmrich bei der Firma Rosendahl als Dachdecker. "Die Ausbildung in Frankreich ist sehr schulisch geprägt mit wenig Praxis. Wir müssen daher erst schauen, was er kann", sagt Prokuristin Barbara Rosendahl. Dennoch ist Helmrichs Vertrag unbefristet. Nun stammen drei von 17 Mitarbeitern von der westlichen Seite des Rheins. Sie zahlen in die Sozialkasse und die Arbeitslosenversicherung in Deutschland, versteuern ihr Einkommen in Frankreich.

Rosendahl ist froh über jeden Facharbeiter. Der Nachwuchs in Deutschland entscheidet sich immer seltener für den Beruf des Dachdeckers. Das Pilotprojekt in Kehl, bei dem deutsche mit französischen Arbeitsvermittlern Tür an Tür zusammenarbeiten, wird ihrer Meinung nach überbewertet. "Seit Jahrzehnten arbeiten Elsässer bei uns in großen Firmen. Dass das jetzt so hochgepuscht wird, ist wohl politisch gewollt", sagt Rosendahl.

Die Politiker haben noch einiges zu tun. Der Arbeitsmarkt entlang des Rheins soll grenzüberschreitend sein, doch er ist es längst noch nicht. Lange Zeit arbeiteten immer weniger Franzosen in Deutschland – und sie werden älter. Laut BA waren 2002 im Raum Offenburg noch 42 Prozent der französischen Arbeitnehmer zwischen 40 und 65 Jahre alt. 2012 waren es bereits 70 Prozent. Im gleichen Zeitraum sank die Zahl aller Pendler aus Frankreich von knapp 60 000 auf 48 355.

"Der Trend ins Negative ist jedoch in einigen Regionen gestoppt", sagt Hanspeter Fakler, Sprecher der Freiburger Arbeitsagentur. In den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, aber auch nach Offenburg kommen seit drei Jahren wieder mehr französische Arbeitnehmer. Die Hälfte der in Deutschland arbeitenden Franzosen ist im verarbeitenden Gewerbe tätig. Einige andere haben Jobs im kaufmännischen Bereich, sind als Lagerarbeiter angestellt oder arbeiten als Handwerker und Altenpfleger.

Fakler führt die Trendwende auf die unterschiedliche Entwicklung der Arbeitsmärkte zurück. In Deutschland habe sich der Arbeitsmarkt nach der Krise 2009 schnell erholt, im Elsass nicht. Die Euro-Schuldenkrise habe dieses Auseinanderdriften verstärkt, weshalb mehr Elsässer östlich des Rheins ihre Chance suchen. Für viele bleibt die Sprache allerdings eine Hürde. Es werden auch Angebote abgelehnt, weil deutsche Firmen in einigen Branchen keinen Mindestlohn wie in Frankreich bezahlen, mutmaßt Fakler.

Nach dem Krieg arbeiteten viele Kehler in Straßburg

Die seit Ende Februar bestehende Kooperation der deutschen und französischen Arbeitsagenturen in Kehl vermeldet erste Erfolge. "14 betreute Bewerber wurden durch den Service für grenzüberschreitende Arbeitsvermittlung bisher in Arbeit vermittelt", sagt Horst Sahrbacher, Chef der zuständigen Arbeitsagentur Offenburg. Zwar lautet der Anspruch, in beide Richtungen zu vermitteln, doch momentan suchen mehr Franzosen eine Anstellung. "Im Elsass ist die Arbeitsmarktsituation einfach wesentlich schlechter als in der Ortenau", sagt Sahrbacher.

"Das war nicht immer so", berichtet Jürgen Oser vom Grenzlandreferat des Regierungspräsidiums Freiburg. Oser lebte lange in Kehl. Als er dort in den 1970er-Jahren seinen Golf II zum VW-Händler brachte, haben ihm alle Meister erzählt, dass sie in Straßburg gelernt haben. "Weil der Franc wesentlich mehr wert war als die Mark, sind sehr viele Kehler nach dem Krieg nach Straßburg zum Arbeiten gegangen", sagt Oser. Der 58-Jährige schätzt, dass im gesamten Grenzgebiet mehrere Hundert Deutsche bei Peugeot, Renault und Citroën gearbeitet und gelernt haben. Als die Mark an Wert zulegte und die Löhne durch das deutsche Wirtschaftswunder in die Höhe kletterten, kehrten viele zurück und die Franzosen strömten nach Deutschland.

Dies zeige, dass die jetzige Situation keine Einbahnstraße sein müsse, sagt Oser. Die Elsässer befürchten, dass zu viele ihrer Fachkräfte nach Deutschland abwandern. "Es ist oft so, dass Grenzgänger nach einigen Jahren zurückkehren und sich selbstständig machen", beruhigt Oser. Das große Ziel müsse es jetzt sein, einen gemeinsamen Arbeitsmarkt in der trinationalen Metropolregion zu schaffen. Ein Projekt, das Oser zufolge noch die nächsten zehn Jahre in Anspruch nehmen wird.

Autor: Max Schuler