Modernstem Gaskraftwerk droht Schließung

Thomas Magenheim

Von Thomas Magenheim

Sa, 07. März 2015

Wirtschaft

Die Eigentümer der Anlage nahe Ingolstadt und der Netzbetreiber erwägen aus Kostengründen Stilllegung / Horst Seehofer möchte das nicht zulassen.

MÜNCHEN. Am modernsten Gaskraftwerk Europas im bayerischen Irsching lassen sich die größten Probleme des europäischen Energiemarktes ablesen. Seine Eigner würden es gerne schließen, dürfen aber wohl nicht. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer spricht von einem "Treppenwitz".

Die vier Jahre alte Anlage nahe Ingolstadt gehört dem Versorgerriesen Eon und seinen Partnern N-Ergie aus Nürnberg sowie Mainova aus Frankfurt. Nun erwägen die Eigner und Netzbetreiber Tennet, bei der Bundesnetzagentur ihre Stilllegung zum März 2016 zu beantragen, bestätigte ein Eon-Sprecher auf Anfrage. Die Entscheidung sei noch nicht gefallen. "Die wirtschaftliche Perspektive des Gastkraftwerks Irsching ist äußerst kritisch", warnte er. Zugleich stellte der Eon-Experte aber klar, dass ein Aus für die hochmoderne und für ein fossiles Kraftwerk schadstoffarme Anlage auch 2016 nicht zu erwarten sei.

Grund dafür ist die Bundesnetzagentur, die Irsching für die Netzstabilität als systemrelevant eingestuft hat, sagt Eon. Anders gesagt: Ohne das Kraftwerk könnte die Netzstabilität gefährdet sein. Falls ein Antrag auf Stilllegung kommt, werde ihn die Bundesnetzagentur wohl ablehnen und den Weiterbetrieb anordnen. Für Eon & Co wäre der nicht kostendeckend.

Zu Wort gemeldet hat sich beim Streit um Irsching Bayerns CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer. Es sei ein "Treppenwitz" der Energiewende, dass das modernste Gaskraftwerk Europas stillgelegt werden soll. Er verband das mit Angriffen auf Bundesenergieminister Sigmar Gabriel (SPD). Dieser müsse die Energiewende endlich so regeln, dass sich der Betrieb schadstoffarmer Gaskraftwerke wie Irsching rentiere und nicht wie derzeit der schmutziger Kohlekraftwerke. Gabriel geht aber davon aus, dass das Gaskraftwerk nicht vom Netz geht.

Das Werk Irsching arbeitet sehr effizient

Irsching stand schon 2013 vor dem Ende. Das von Siemens im Werk Berlin gebaute Gas- und Dampfkraftwerk ist zwar mit 60,4 Prozent Wirkungsgrad (Maß für die Effizienz von Kraftwerken) technisch ein Weltrekordhalter. Wirtschaftlich zu betreiben, ist es trotzdem nicht. Irsching geht nur immer dann für kurze Zeit ans Stromnetz, wenn dessen Stabilität gefährdet ist, weil erneuerbare Energien gerade nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Alte und abgeschriebene Kohlekraftwerke sind im Betrieb deutlich billiger, sie schleudern aber mehr Schadstoff in die Umwelt. Um diese Schwierigkeit zu umgehen, hat die Bundesnetzagentur mit den Irsching-Eignern und dem Netzbetreiber Tennet 2013 eine Vereinbarung getroffen, deren Details nie öffentlich wurden. Dem Vernehmen nach wird Irsching pro Jahr mit einer zweistelligen Millionensumme subventioniert, was als eine Art Entgelt für die Stabilisierung des Stromnetzes zu verstehen ist. Die Vereinbarung läuft im März 2016 aus. Ohne sie wäre Irsching defizitär. Wer ein Kraftwerk vom Netz nehmen will, muss das ein Jahr vorher der Bundesnetzagentur ankündigen. Eon und Partner müssten ihren Antrag deshalb bis Ende des Monats stellen.

Die Frage ist nun nicht nur, wie es mit Irsching weitergeht. Denn im bisherigen Irsching-Modell sehen einige Experten eine Blaupause für den Betrieb schadstoffarmer Gaskraftwerke als wichtigem Bestandteil der Energiewende. Demnach würden Gaskraftwerkbetreiber nicht mehr pro Kilowattstunde Strom entlohnt, sondern über eine Gebühr für zugesagte Kapazitäten zur Netzstabilisierung entlohnt. Experten sprechen in diesem Zusammenhang von Kapazitätsmärkten.

Gabriel gilt eigentlich als Gegner dieses Modells. Er spricht von "Hartz IV" für Kraftwerke. Seehofer stemmt sich gegen neue Stromautobahnen durch Bayern. Er will die Energiewende in Bayern mittels Gaskraftwerken abfedern. Am Gaskraftwerk Irsching exerzieren die Politiker damit beispielhaft ungelöste Probleme der Energiewende vor.

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