Handel

Neues Rabattsystem gewährt personalisierte Nachlässe

Tanja Tricarico

Von Tanja Tricarico

Mo, 09. November 2015 um 00:01 Uhr

Wirtschaft

Rabattkarten gibt es in Hülle und Fülle. An vielen stoßen sich Datenschützer. Ein Berliner Start-up-Unternehmen verspricht nun, vorauszusagen, was ein Kunde im Supermarkt einkaufen wird.

Auf Basis dieser Prognose bekommt er personalisierte Rabatte. Und bei all dem sollen die persönlichen Daten der Kunden anonym bleiben.
Raimund Bau glaubt zu wissen, was seine Kunden gern kaufen. Bonbons mit Zitronengeschmack oder Himbeere? Getränke in der Flasche oder Tetra-Pack? Frisches Gemüse oder die Tiefkühlvariante? "Wir lernen aus den Einkaufskörben der Kunden ihre Vorlieben", erklärt Bau. Der Marketingmann ist Gründer und Geschäftsführer von So1. Er und seine Kollegen haben eine Software entwickelt. Ein Algorithmus, merkt sich nicht nur die Lieblingswaren der Kundschaft, sondern erstellt eine Prognose, was beim nächsten Einkauf in seinen Wagen wandern wird.

Eine solche Vorhersage ist viel Geld wert, vor allem für den Einzelhandel. Passend zur Prognose schlägt der Algorithmus den Einkäufern maßgeschneiderte Angebote vor. Beispiel: Eine Familie entscheidet sich für Schokoladencreme, Backpulver und Apfelsaft – nichts vom Markenhersteller, alles vom billigen Anbieter. An der Kasse werden die Daten über die eingekauften Waren auf der Kundenkarte der Familie gespeichert. Beim nächsten Besuch verspricht der Händler spezielle Sonderpreise – für Schokoladencreme und Backpulver, nicht nur für Billiganbieter, auch für Nutella und Dr. Oetker. Dazu gibt es ein Angebot für Marmelade. Schließlich scheint der Kunde Süßes zum Frühstück zu essen. Auch ein neuer Mangosaft wird rabattiert.

Persönliche Daten wie Namen, Alter, Adresse brauche Marketingfachmann Bau für die Prognose nicht, verspricht er. Ganz ohne Registrierung gehe es dennoch nicht. Die Einkaufsvorlieben müssten ja einer Person zugeordnet werden. Der Kunde müsse einen Kanal schaffen, so Bau, um an das Angebot heranzukommen. Von den auf ihn zugeschnittenen Rabatten erfährt der Schnäppchenjäger über die Kundenkarte oder eine App.

Was nach Einkaufen in der Zukunft klingt, testet die Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann in Berlin und Brandenburg – mit der "Extrakarte". Diese kann der Kunde vor jedem Einkauf an einer "Spar-Station" scannen. Der rote Kasten am Eingang des Ladens spukt die maßgeschneiderten Rabatte aus. An der Kasse wird der Schnäppchenpreis verrechnet. Der Händler erwarte sich eine Steigerung der Kundenfrequenz, höhere Kundenloyalität und so auch höhere Umsätze, teilt eine Sprecherin von Kaiser’s Tengelmann mit.

Dass die Karte anonym sein soll, und persönliche Daten laut Anbieter nicht notwendig sind, ist nur ein Nebeneffekt des individuellen Rabattköders. Laut Tengelmann wurde die Extrakarte seit Mai von mehr als 360 000 Menschen genutzt. Auch bundesweit will die Supermarktkette die Rabattkarte einsetzen.

Datenschützer sehen Vorteile in der neuen Kundenkarte bei Kaiser’s. Schließlich kennen die Verbraucherzentralen etliche andere Fälle, in denen Kunden leichtfertig E-Mail-Adressen oder Telefonnummern preisgeben und dann mit Werbung bombardiert werden. Dieses Problem sollte bei der Kaiser’s Kundenkarte nicht der Fall sein. Dennoch: "Verbrauchern muss aber klar sein, dass über Rabattkarten Ihr Einkaufsverhalten und Ihre Zahlungsbereitschaft analysiert werden", sagt Miika Blinn vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. "Ziel ist es, den Umsatz zu steigern, in dem Kunden gezielt angesprochen werden."

Ob dieses personalisierte Marketing tatsächlich eine ernstzunehmende Konkurrenz für die Payback-Angebote oder die Kundenkarten einzelner Geschäfte werden kann, ist fraglich. Die Payback-Karte gibt es seit 15 Jahren. Als sie im Jahr 2000 auf den Markt kam, schlugen Datenschützer Alarm. Sogar den Preis für die "Daten-Krake" des Jahres bekam die Rabattkarte verliehen. Heute nutzen dem Unternehmen zufolge mehr als 27 Millionen Kunden die Payback-Karte.

Bei So1 soll der Kunde nicht nur über den Preis gelockt werden – sondern zum Beispiel auch mit seinem Interesse an der regionalen Herkunft von Ware. "Wer Spreewald-Gurken kauft, der interessiert sich vielleicht auch für andere Ost-Produkte", sagt Bau. Das gleiche Prinzip gilt für Waren in Bio-Qualität oder mit der Vegan-Kennzeichnung. "All diese Angebote bekommt man im klassischen Prospekt nicht unter."

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