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26. Juli 2008
Noch längst nicht ausgesponnen
Die südbadische Textilindustrie hat sich gewandelt und ist mit neuen Produkten erfolgreich / Von Heinz Siebold
Viele große Namen sind längst verschwunden: Von der ruhmreichen Zell-Schönau AG ist nur noch die Marke Irisette geblieben. Produziert wird die Bettwäsche aber nicht mehr im Wiesental, sondern von der Firma Bierbaum im westfälischen Borken. Noch in den 1960er Jahren haben die Spinnereien, Webereien und Färbereien zwischen Lörrach, Zell und Todtnau 12 000 Menschen beschäftigt. Dann machten billige Kunstfasern der traditionellen Baumwollverarbeitung endgültig den Garaus. Textilien für Bekleidung wurde zunehmend in Asien produziert, die gesamte deutsche Textilindustrie schrumpfte auf derzeit 1200 Betriebe mit etwa 120 000 Beschäftigten.
Heute gibt es in Baden-Württemberg noch 236 Betriebe in der Textil- und Bekleidungsindustrie mit zusammen 28 300 Mitarbeitern. Das Wiesental lebt heute nicht mehr von dieser Branche. Stattdessen haben sich dort jede Menge Maschinen- und Werkzeugbauer angesiedelt. Das Tal wird wegen der vielen Pumpenbauer in Maulburg und Schopfheim scherzhaft Pumpenvalley genannt.
Doch wer genau hinschaut, sieht, dass auch die Textilindustrie in Südbaden noch lebt. Sie hat sich nur grundlegend gewandelt. Und auch von der Brennet AG gibt es nicht nur Nachrichten über Personalabbau, sondern andere über hohe Investitionen in Gebäude und Technik. 200 Millionen Euro hat das Familienunternehmen in den vergangenen 20 Jahren nach eigenen Angaben investiert, 2007 allein zehn Millionen Euro in die technische und bauliche Renovierung der Tochterfirma Dreiländereck Textilveredelungs-GmbH in Öflingen.
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Gegründet wurde Brennet 1877. Die Brüder Stefan und Peter Denk leiten das Unternehmen in vierter Generation als Vorsitzende von Vorstand und Aufsichtsrat. Brennet ist in der Region der einzige vollstufige Textilbetrieb mit Spinnerei, Weberei und Veredelung. Brennet ist Spezialist für Hemdenstoffe und liefert an die bekanntesten europäischen Hersteller: Olymp oder Seidensticker, Boss, Armani oder Escada.
Eine weitere regionale Traditionsmarke ist die frühere "Köchlin Baumgartner & Cie." (KBC) in Lörrach, die heute zur niedersächsischen Daun-Gruppe gehört, dem größten deutschen Textilunternehmen. Die KBC hat eine 250-jährige bewegte Geschichte als Stoffdruckerei hinter sich und gilt europaweit als erste Adresse für Stoffdesigner. Auch die KBC ist in den Bereich hineingestoßen, der Wachstum verspricht: technische Textilien. KBC rüstet beispielsweise für die Firma Contender Segeltuch aus.
Am Jahresumsatz der Textilbranche in Baden-Württemberg von rund fünf Milliarden Euro machen technische Textilien bereits fast die Hälfte aus. Und viele deutsche Unternehmen sind bereits international Marktführer auf ihrem Gebiet. Zum Beispiel IGT Automotive Safety Textiles in Maulburg und Murg, entstanden aus der Seidenbandweberei Seibanit in Säckingen, heute Bestandteil des US-Konzerns ITG. An den beiden südbadischen Standorten produzieren 540 Mitarbeiter Airbags für alle namhaften europäischen Autohersteller.
Ein paar Kilometer flussabwärts im Wiesental behauptet sich die Firma Textilveredelung an der Wiese in Lörrach-Brombach ebenfalls unter anderem mit technischen Textilien: Wäsche für den Operationssaal, Bespannstoffe für Pressen und Segelflugzeuge, Filtertücher, Fahnen, Unterpolster für Möbel und Autositze – überall braucht es eine anders behandelte Faser. Zum hochwertigen Produktportfolio gehören aber auch veredelte Bett- und Tischwäsche, sowie pflegeleichte und bügelfreie Hemdenstoffe. Der Textilveredler ist 1996 von Managern aus der Konkursmasse der Lauffenmühle herausgekauft worden. Er hat 140 Mitarbeiter.
Auch die Lauffenmühle, eines der ältesten Textilunternehmen der Region überhaupt, gibt es noch. Das von der Daun-Gruppe übernommene Unternehmen in Lauchringen im Landkreis Waldshut stellt vor allem Gewebe und Garne her, die für Berufs- und Schutzkleidung, zum Beispiel für Feuerwehren, sowie Uniformen verwendet werden. In Lauchringen und in Lörrach-Brombach sind mehr als 600 Beschäftigte in Spinnerei, Weberei und Ausrüstung tätig.
Die Textilindustrie hat auch im Breisgau eine Tradition. In Freiburg hat der aus Kandern stammende Fabrikant Carl Mez den Grundstein für die Produktion von Nähgarn gelegt. Am Stammsitz Freiburg ist die "Mezi" allerdings verschwunden, aber in Kenzingen ist noch die Europazentrale des britischen Textilkonzerns Coats Ltd., zum dem die Mez AG bereits seit 1930 gehört. In Kenzingen sind 250 Beschäftigte für Handstrick-, Strick- und Häkelgarne, Reißverschlüsse und Nähgarne zuständig, in Bräunlingen im Schwarzwald gibt es eine Färberei. Weltweit beschäftigt Coats an 45 Produktionsstandorten 30 000 Menschen und macht 1,4 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr.
Im Gegensatz zur Mez AG ist Gütermann in Gutach im Elztal ein selbstständiges Familienunternehmen geblieben. Aber auch die 1864 in Wien gegründete Fabrik hängt längst nicht mehr am seidenen Faden, sondern hat soeben einen neuartigen und strapazierfähigeren Polyesterfaden entwickelt. Die komplette Umrüstung der Zwirnerei auf die so genannte Micro-Core-Technologie hat Gütermann etliche Millionen Euro gekostet. Genäht und gestopft wird in Privathaushalten nur noch wenig, deshalb hat sich das Geschäft mehr auf die Modeindustrie und die technischen Fäden ausgedehnt. Letztere müssen reissfest sein und hohe Temperatur aushalten, weil sie zum Beispiel feuerfeste Schutzanzüge von Formel-1-Rennfahrern zusammenhalten. In Airbags von BMW, Audi, Volkswagen oder Mercedes, in den Sitzen, Himmeln oder im Verdeck, selbst in den Autobatterien und in Airbus-Tragflächen stecken synthetische Fäden von Gütermann.
Die Textilindustrie in der Region ist überschaubar geworden. Aber wer die bisherigen Stürme überstanden hat, kann auf eine Perspektive hoffen. "Wir haben in den letzten Jahren keine Insolvenz mehr gehabt", sagt Emil Schelb, Geschäftsführer von Südwesttextil in Maulburg, dem Arbeitgeberverband der Textil- und Bekleidungsindustrie. "Die Firmen haben sich neu und gut aufgestellt, in neue Technologie investiert und neue Produkte entwickelt."
Es könnte eigentlich ganz gut laufen – wenn da nicht zwei Probleme wären. Das ist die Kaukraftschwäche der Endkunden und neuerdings vor allem die Verteuerung der Energie. Mehrere hunderttausende Euro mehr für Gas hat die Brennet-Tochter DLE aufbringen müssen. Dabei hat Brennet in den vergangenen vier Jahren schon für zehn Millionen Euro Solarzellen auf die Fabrikdächern gesetzt. Aber die Einspeisevergütung wird vom Gaspreis mehr als aufgefressen. Denn spinnen, weben und färben kostet viel Energie.
Autor: Heinz Siebold
