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15. Juni 2012

Kosten senken

Nokia streicht 10 000 Arbeitsplätze

Weil Menschen in aller Welt lieber mit Apple- und Samsung-Handys telefonieren, will das Unternehmen die Kosten senken.

KOPENHAGEN/ULM. Der angeschlagene Handyriese Nokia schrumpft weiter: Mit tiefroten Bilanzzahlen konfrontiert, kündigte der ehemalige Marktführer im finnischen Espoo am Donnerstag den Abbau von 10 000 Arbeitsplätzen an. Jeder Fünfte, der bei Nokia Handys baut, entwickelt oder vertreibt, muss gehen. Vom Jobabbau betroffen ist auch der Standort Ulm mit 730 Beschäftigten. Im Stammland Finnland werden 3700 Angestellte entlassen.

Neben dem Forschungs- und Entwicklungsstandort Ulm werden auch die Fabriken im finnischen Salo und in Burnaby in Kanada geschlossen. Den Edel-Handy-Hersteller Vertu verkauft Nokia an den europäischen Finanzinvestor EQT VI. Einen Preis nannte Nokia nicht. In Deutschland behält Nokia nur die Zentrale in Ratingen und die Abteilung für ortsbezogene Dienste in Berlin, die von Konzernchef Stephen Elop als besonders wichtig hervorgehoben wurde. Die deutsche Hauptniederlassung in Bochum mit 4300 Angestellten hatte Nokia 2008 aufgegeben. Die Arbeitsplätze wurden nach Rumänien verlagert, doch nur drei Jahre später war auch die Fabrik in Cluj am Ende. "Solche Schritte tun wir nicht leichtfertig", sagte Elop angesichts der neuen Sparrunde, die bis Ende 2013 die Kosten um drei Milliarden Euro senken soll.

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Auch gut ein Jahr nach dem Sprung in die Arme des großen Partners Microsoft brennt es bei Nokia immer noch an allen Ecken und Enden. Die Lumia-Smartphones der Finnen, die mit einem Microsoft-Betriebssystem arbeiten, kommen bisher nur auf einen Bruchteil der Verkäufe der Apple-I-Phones und der Handys von Samsung. Und die günstigen Nokia-Handys werden selbst in ihrer letzten Bastion – den Wachstumsmärkten der Entwicklungsländer – von immer billigeren Smartphones mit dem Google-Betriebssystem Android bedrängt. So verliert Nokia viel Geld. Allein im ersten Quartal gab es einen Verlust von 929 Millionen Euro – im Schnitt zehn Millionen pro Tag. Das laufende Vierteljahr dürfte nicht besser ausgehen, deutet die aktuelle Prognose an.

Elops Antwort: Er will den Wandel noch beschleunigen – und ist bereit, dafür unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen. "Wir müssen uns auf die Technologien fokussieren, die zu unserer Vision passen", gab der einstige Microsoft-Manager am Donnerstag die Richtung vor.

Politiker kritisieren die Nokia-Entscheidung

Kern-Baustein der Strategie sind die Lumia-Smartphones mit einer Palette von Diensten, bei denen sich Nokia von der Konkurrenz abzuheben glaubt: Erstklassige Handy-Fotos, mobile Navigation, ortsbezogene Dienste. Ein Beispiel sind die Handykameras, deren Sensoren 38 Megapixel aufnehmen können – also über eine extrem hohe Auflösung verfügen. Das Problem: Nokias Windows-Telefon Lumia hat zwar von Analysten gute Kritiken bekommen, bei den Kunden aber den Durchbruch noch nicht geschafft. Der Marktanteil liegt gerade einmal bei zwei Prozent.

Die Börse reagierte auf den Arbeitsplatzabbau negativ: Die Nokia-Aktie, die in ihren besten Tagen 65 Euro kostete und noch anfangs 2008 bei 25 Euro notierte, verlor am Donnerstag nochmals zehn Prozent und fiel unter den Preis von zwei Euro.

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) nannte die Entscheidung der Finnen "sehr bedauerlich". Schmid sagte, das sei eine Konzernentscheidung. Er hoffe darauf, dass die Ulmer Beschäftigten mit ihren hohen Qualifikationen am Arbeitsmarkt vermittelt werden könnten.

Für den Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner (SPD) ist die Nokia-Entscheidung, den Standort Ulm zu schließen, ein großer Fehler. In Ulm seien große Teile der Handy-Forschung konzentriert. "Wer am Markt punkten will muss neue Produkte entwickeln."

Autor: Hannes Gamillscheg und unseren Agenturen