Skeptischer Blick ins Jahr 2019

Bernd Kramer

Von Bernd Kramer

Fr, 11. Januar 2019

Wirtschaft

Deutsche-Bank-Personalvorstand Karl von Rohr wünscht sich mehr Einigkeit der internationalen Gemeinschaft.

FREIBURG. Karl von Rohr ist kein Schönredner, der um der Geschäftsinteressen willen die Situation rosiger redet, als sie ist. Beim Neujahrsempfang seines Arbeitgebers in Freiburg präsentierte der stellvertretende Vorstandschef der Deutschen Bank seine Analyse der gegenwärtigen Gegebenheiten. Sie war ein pessimistischer Ausblick auf die nächsten Monate.

Die größte Sorge bereitet dem Mann, der bei Deutschlands größter Bank unter anderem für Recht und Personal verantwortlich ist, der fehlende Zusammenhalt der internationalen Gemeinschaft. Wenn eine globale wirtschaftliche Krise komme, sei die Wahrscheinlichkeit gering, dass die politisch Verantwortlichen gemeinsam gegen den Absturz vorgehen würden. "Das war nach der Lehman-Pleite 2008 aber der Fall", sagte von Rohr. Die damalige globale Kooperation habe der Welt geholfen.

Vor mehr als 300 Zuhörern – darunter etliche Chefs großer südbadischer Unternehmen – verwies von Rohr auf die sich schneller als erwartet abkühlende Wirtschaft. Die Volkswirte der Deutschen Bank halten für 2020 eine Rezession im Euroraum für möglich – das sind zwei aufeinanderfolgende Quartale mit einem schrumpfenden Bruttoinlandsprodukt. Die Europäer können dem nach von Rohrs Ansicht nach nur wenig entgegensetzen. Im Gegensatz zur US-Notenbank Fed könne die Europäische Zentralbank (EZB) kaum noch an der Zinsschraube drehen, da der Leitzins schon bei null liege. Hohe Schulden einzelner Staaten erschwerten höhere Staatsausgaben, um eine Krise zu kontern. Dazu kommen nach Meinung von von Rohr die Handelskonflikte. Hinter ihnen sieht der Deutsche-Bank-Manager das Ringen um die Dominanz in der Weltwirtschaft zwischen den USA und China. "So etwas geht nicht harmonisch ab, wie die Wirtschaftsgeschichte gezeigt hat." Die neuen Zölle zerstörten schon jetzt das fein über den Erdball gewobene Produktionsnetz zerreißen und veränderten Lieferketten.

Auch der Brexit bedrohe die wirtschaftliche Entwicklung. "Schlimmstenfalls versinkt Großbritannien zwei Jahre in der Rezession, der Rest von Europa muss mit einem halben Prozentpunkt weniger Wachstum vorliebnehmen." Italien bereite zusätzlichen Kummer. So falle es den italienischen Banken angesichts der politischen Unsicherheiten, des schwachen Wachstums und der hohen Staatsverschuldung derzeit schwer, sich am Kapitalmarkt zu finanzieren. Der Protest der Gelbwesten in Frankreich werfe die Frage auf, ob in Frankreich sinnvolle Reformen überhaupt durchsetzbar seien, sagte der Bankmanager. Ein weiteres Element des Giftcocktails: die globale Verschuldung, die weiter zugenommen habe.

Die bessere Entwicklung der US-Banken im Vergleich zu seinem Institut und anderen europäischen Geldgebern ist laut von Rohr zu einem großen Teil der besseren Zinssituation geschuldet. So müssten europäische Banken, die Geld bei der EZB anlegten, rund sieben Milliarden Euro an Negativzinsen zahlen. US-Banken, die Kapital zur Fed brächten, erhielten dagegen 43 Milliarden Dollar an Guthabenzinsen.

Kritikern der Deutschen Bank – der Aktienkurs war zuletzt auf ein Rekordtief gesunken – hielt von Rohr die 260 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln (Liquidität), eine Kernkapitalquote von 14 Prozent (die Quote gibt Auskunft über die Höhe des Eigenkapitals im Verhältnis zu den risikogewichteten Forderungen) und geringere Geschäftsrisiken entgegen. Zur Razzia in der Frankfurter Zentrale wegen angeblicher Hilfe zum Verschieben von Geldern in Steuerparadiese und zu Vermutungen, die Bank sei in den Geldwäsche-Skandal der Danske Bank verwickelt, sagte von Rohr: "Die Vorwürfe beziehen sich auf die Zeit vor 2015." Man habe diese Themen bereits aufgearbeitet. "Auch für die Deutsche Bank muss die Unschuldsvermutung gelten." Bisher gebe es keine Anzeichen für ein Fehlverhalten.