Überschuss

Stromschwemme führt zu Exportrekord in Deutschland

Bernward Janzing

Von Bernward Janzing

Mo, 05. Oktober 2015 um 00:01 Uhr

Wirtschaft

Ständig unter Strom: Ungeachtet des Atomausstiegs steuert Deutschland in diesem Jahr auf einen neuerlichen Rekordüberschuss beim grenzüberschreitenden Handel mit Strom zu.

Seit Jahresbeginn hat sich nach BZ-Informationen der Überschuss bereits auf jenes Ausmaß summiert, der im gesamten Rekordjahr 2014 erzielt worden war – 35,6 Milliarden Kilowattstunden.

Damit könnten bis zum Ende des laufenden Jahres die Stromausfuhren die -einfuhren um 50 Milliarden Kilowattstunden übersteigen. Das entspricht mehr als acht Prozent des gesamten deutschen Stromverbrauchs.

Auslöser dieser Stromschwemme sind die erneuerbaren Energien, in diesem Jahr vor allem die Windkraft. Zum einen waren die Windverhältnisse in diesem Jahr in Deutschland bislang recht gut. Zum anderen werden aktuell in atemraubendem Tempo neue Anlagen errichtet, auch in der deutschen See. So überschritt die Stromerzeugung aus Windkraft bereits Ende September den Saldo aus dem Gesamtjahr 2014, wie der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft mitteilte. Die Bilanz des ganzen Vorjahres lag bei 57,4 Milliarden Kilowattstunden, bis Ende September 2015 wurden bereits 59 Milliarden erzeugt. Der auf See erzeugte Anteil stieg von 1,4 Milliarden auf 4,6 Milliarden Kilowattstunden.

Bezogen auf alle erneuerbaren Energien lag die Stromerzeugung in den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres um fast 20 Prozent über dem Wert des Vorjahreszeitraums. Erstmals werden die erneuerbaren Energien in diesem Jahr vermutlich mehr als 30 Prozent des deutschen Stromverbrauchs decken.

Zugleich aber laufen die Kohlekraftwerke im Land weiter, als sei nichts geschehen. Die Stromerzeugung aus Stein- und Braunkohle liegt aktuell etwa auf dem Niveau des Vorjahres; die Anlagen erzeugen folglich Strom, der im Inland nicht mehr abgesetzt werden kann.

Rein rechnerisch fließt bereits die Hälfte des Stroms aus Steinkohle oder ein Drittel des Stroms aus Braunkohle ins Ausland. Doch das dürfte sich in den kommenden Jahren ändern. Bei der Bundesnetzagentur liegen inzwischen Anträge zur Stilllegung von 57 Kraftwerksblöcken vor, alleine im Sommer kamen 16 Blöcke hinzu.

Dass der Bestand an Grundlastkraftwerken den Bedarf derzeit massiv überschreitet, dokumentiert auch der Strommarkt: Der seit Jahren anhaltende Preisverfall beim Grundlaststrom ging auch in den vergangenen Monaten weiter; inzwischen wird die Megawattstunde am Terminmarkt für weniger als 29 Euro gehandelt – ein für viele fossile Kraftwerke auf Dauer ruinös niedriger Wert. Vor fünf Jahren konnten Stromerzeuger am Markt noch doppelt so viel erlösen.