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02. Februar 2012

BZ-Interview

Baltisberger zur Entwicklung des Roche-Standortes

BZ-INTERVIEW: Matthias M. Baltisberger, Standortleiter von Roche in Basel und Kaiseraugst, zur Entwicklung des Standortes.

  1. Matthias Baltisberger Foto: Roche

oche ist gut in Form. Bei einem Umsatz von rund 42,5 Milliarden Franken erwirtschaftete der Pharmariese 2011 einen Gewinn von 9,5 Milliarden Franken (plus sieben Prozent) und das trotz des starken Frankens, der den Umsatz nominell um zehn Prozent drückte. Beigetragen dazu hat auch das Ende 2010 verkündete Programm "Operational Excellence", das weltweit 2,4 Milliarden Franken einsparen soll. Der Basler Standortleiter Matthias Baltisberger schildert die Lage vor Ort.

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BZ: Die Pharmabranche steckt in einer schwierigeren Phase. Auch bei Roche laufen die Geschäfte nicht mehr so gut wie vor ein, zwei Jahren. Wie wirkt sich das auf die Standorte in der Region Basel aus?
Baltisberger: In Basel haben wir nach wie vor gute Rahmenbedingungen, das heißt wir können im globalen Wettbewerb weiter hochqualifizierte Arbeitskräfte gewinnen und haben ein stabiles, verlässliches Umfeld. Gerade für neue langfristige Projekte sind Verlässlichkeit und Planbarkeit wichtige Faktoren. Dazu kommt eine gute Grundlagenforschung und die Nähe zu den Unis Basel und Zürich. Auch wenn die Luft dünner geworden ist, ist Roche in der Region Basel sehr gut aufgestellt.

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BZ: Zu den Rahmenbedingungen gehört auch der politische Druck auf Medikamentenpreise. Spürt das Roche vor Ort?

Baltisberger: Der Druck nimmt zu. Das ist richtig. Aber das gilt für die ganze Branche. Als Antwort auf diesen Druck setzt die übergeordnete Strategie von Roche an, die personalisierte Medizin. Innovation ist ein Schlüssel um Medikamente mit einem wesentlichen Nutzen zu entwickeln: Personalisierte Medizin wird ja gezielt eingesetzt und hilft, unerwünschte Nebenwirkungen zu reduzieren und den Therapieerfolg für den Patienten zu verbessern. Unsere Strategie ist darauf abgestellt, dass jedes Produkt einen klaren Mehrwert erzeugt. Wir sind überzeugt, dass ein Medikament, das einen hohen Nutzen oder – möglichst auch Heilung bringt, einen fairen Preis bekommt.

BZ: 2010 hatte Roche ein Sparpaket und den Abbau von netto 350 Stellen bis Ende 2012 in Basel verkündet. Wie ist der Stand?

Baltisberger: Diese Initiative heißt bei uns Operational Excellence und ist keine herkömmliche Sparübung, die den Personalbestand reduzieren soll. Vielmehr wollen wir Aufgaben identifizieren, auf die wir verzichten können zugunsten von Aktivitäten, die auf unseren Kernkompetenzen aufbauen. Das Programm schafft eine Basis, um finanzielle und personelle Ressourcen umzulenken auf Aufgaben, die wir morgen vermehrt brauchen. Genau das ist uns gelungen: 2011 haben wir einerseits Operational Excellence gestartet, wir haben aber anderseits auch Neues aufgebaut. Unter dem Strich halten sich Stellenab- und -aufbau damit in Basel etwa die Waage.



BZ: Das heißt, es kommt mit Operational Excellence zwar zu einem Stellen- aber letztlich nicht zu einem Personalabbau?

Baltisberger: Von Personalabbau im Saldo kann keine Rede sein, aber natürlich hat die Initiative Aufgaben identifiziert und Menschen, die diese bislang erledigt haben, waren und sind betroffen.

BZ: Wurden darüber vor Ort denn nun Leute entlassen?

Baltisberger: In Basel und Kaiseraugst sind wir mit der Initiative auf Kurs. Es wurden schon einige Stellen abgebaut. Rund ein Drittel der Betroffenen können auf anderen Funktionen weiter bei Roche arbeiten, ein weiteres Drittel wählte dank des großzügigen Sozialplans Vorruhestandsregeln. Für das letzte Drittel gibt es derzeit noch keine abschließende Lösung. Wir unterstützen die Betroffenen jedoch auf ihrem Weg.

BZ: Wie sieht die Arbeitsplatzbilanz in Basel und Kaiseraugst 2011 konkret aus?
Baltisberger: Während wir in den Vorjahren regelmäßig ein Wachstum von 200 bis 300 Stellen im Jahr hatten, blieb es an beiden Standorten zusammen konstant bei etwa 8500 Mitarbeitenden. Auf die Schweiz gesehen beschäftigte Roche 2011 fast 11000 Mitarbeitende; dazu kommen rund 3000 von Fremdfirmen, die dauerhaft als Dienstleister an den Schweizer Standorten tätig sind.

BZ: Der vor drei Monaten eingeweihte Forschungs- und Entwicklungsbau 97 ist ein Zeichen dafür, dass Roche nicht nur strafft, sondern auch investiert. Was bedeutet der Bau für den Standort Basel ?
Baltisberger: Mit Operational Excellence machen wir uns fit für die Zukunft. Aber dafür braucht es auch eine Infrastruktur. Bau 97 ist ein Baustein einer künftigen Infrastruktur. Wir sehen das als Bekenntnis zum Standort – auch wenn das schon wie eine Worthülse daherkommt.

BZ: In der Tat!

Baltisberger: Aber gibt es überhaupt ein stärkeres Signal für einen Standort, als etwas physisch zu realisieren, was eine Lebensdauer von beispielsweise vierzig Jahren hat. Für uns ist der Bau 97 ein ganz wichtiger Baustein der Zukunft. Hier bündeln wir Forschung und Entwicklung im Bereich der Galenik erstmal unter einem Dach.

BZ: Wie in andere Branchen werden auch für die Pharmaindustrie die Märkte in Asien und Südamerika wichtiger. Welche langfristigen Folgen hat das für einen Hochlohnstandort wie Basel?
Baltisberger: In der Tat wachsen diese Märkte gut. Aber Lohn allein ist für eine Standortentwicklung in einer wissensintensiven Branche wie der Pharmaindustrie kein Kriterium. Ein niedriges Lohnniveau reicht nicht aus, um zu sagen, das machen wir hier oder da. Entscheidend ist, wofür der Lohn bezahlt wird. Hochqualifizierte Tätigkeiten haben auch in den Emerging Markets, wie wir sagen, einen höheren Preis. Spezialisten werden auch da längst weltweit rekrutiert. Für diese Leute gelten Weltmarktpreise. Deshalb muss Basel sehen, dass wir fit und attraktiv bleiben, müssen analysieren, auf was wir verzichten können und wo wir Mehrwert schaffen können. Dabei hat Basel einen großen Pluspunkt: Wir sind einer der wenigen Roche-Standorte, der die gesamte Wertschöpfungskette von Forschung und Entwicklung über Produktion bis zur Vermarktung verbindet. Es ist fundamental, diese Wertschöpfungskette intakt zu halten. Gelingt das, hat Basel langfristig beste Chancen.

BZ: Wie viele Roche-Standorte sind von der Wertschöpfungskette her so komplett aufgestellt wie Basel?

Baltisberger: Das gibt es jeweils noch einmal in den USA und in China; komplett in der Hinsicht ist auch der deutsche Standort in der Kombination Mannheim und Penzberg.
"Roche will nicht

beliebig sein."

BZ: Das heißt, der Zugriff auf die komplette Wertschöpfungskette ist für Standorte letztlich wichtiger als die schiere Größe?

Baltisberger: : Ja, man muss das immer umlegen aufs Personal und den gegenseitigen Austausch im Gespräch. Wir sagen etwas flapsig, Innovation findet um die Caféautomaten statt. Es ist tatsächlich so: Wenn Forscher, Entwickler, Produzenten und Vermarkter zusammen Mittagessen können, ist das eine relevante Größe. Wir setzen sehr auf den inspirierenden Faktor dieser direkten Kommunikation. Deshalb konzentriert das Hochhaus auch alle zentralen Funktionen hier im Areal. Das soll den Austausch weiter stimulieren. Das ist ein immer wichtigeres Element.

BZ: Das heißt, das reale Gespräch ist wichtiger als rein technisch vermittelte virtuelle Kontakte?

Baltisberger: Ich meine ja, die wichtige ‘Feinchemie’ lässt sich oft nur im Gespräch genau erfassen. Das ist nicht durch Technik zu ersetzen. Auf der anderen Seite wird Telepräsenz sicher den einen oder anderen Flug ersetzen.

BZ: Roche versteht sich nach wie vor als Basler Unternehmen. Wie haltbar können solche Bekenntnisse in der globalisierten Welt noch sein?
Baltisberger: Franz B. Humer, unser Roche-Verwaltungsratspräsident, hat dieser Tage einmal mehr betont, dass Basel Ursprung und Hauptsitz war, ist und immer bleiben wird. Dem kann ich als Standortleiter nur zustimmen und mich darüber freuen.

BZ: Demnach ist Basel gesetzt, solange Roche selbstständig bleibt?

Baltisberger: Genau. Für uns erübrigt es sich eigentlich, uns diese Frage jedes Jahr neu zu stellen. Wir sind überzeugt, dass der Standort gut ist, und werden alles dafür tun, dass das so bleibt. Zudem bin ich fest davon überzeugt, dass auch globale Unternehmen eine Heimat brauchen. Dieses Gefühl irgendwo zuhause zu sein, wird meiner Einschätzung nach sogar eher noch zunehmen und das Zuhause von Roche ist Basel. Ein Konzern, der einfach unterwegs ist in der Welt, wird ein Stück weit beliebig. Roche aber will nicht beliebig sein. Wir haben einen klaren Ursprung und eine klare Strategie.

Roche in der Region

Der Basler Pharma- und Diagnostics-Konzern beschäftigt in der Region rund 10 000 Menschen. 8500 davon arbeiten am Standort Basel, unter dem der Stammsitz an der Grenzacher Straße, weitere (noch) auf die Stadt verteilte Bereiche und der Betrieb in Kaiseraugst gebündelt sind. Der seit der Gründung 1896 stetig weiter entwickelte Stammsitz ist bis heute Hauptsitz und einer der größten Roche-Standorte für Forschung, Entwicklung, Produktion und Verwaltung. Neben der Konzernleitung sind dort der Hauptsitz der Divisionen Pharma und Diagnostics, die globalen Pharmafunktionen sowie ein Teil der weltweiten Pharmaproduktion und Forschung; so ist Basel zentraler Forschungsstandort für den Stoffwechsel und das zentrale Nervensystem. In Kaiseraugst unterhält Roche sein modernstes und größtes Verpackungs- und Logistikzentrum. Dort werden Tabletten, Kapseln, Ampullen sowie Ampullenflaschen und Fertigspritzen verpackt; das summiert sich jährlich auf zirka 120 Millionen Packungen, die in 130 Ländern ausgeliefert werden. In Reinach sind das Marketing und der Vertrieb für die Schweiz konzentriert. Die deutsche Tochter, die Roche Pharma in Grenzach-Wyhlen, ist für das Marketing, den Vertrieb verschreibungspflichtiger Arzneimittel und die Koordination zulassungsrelevanter Studien in Deutschland zuständig sowie für die technische Qualitätssicherung im Großteil Europas. Der Standort zählt rund 1200 Mitarbeitende, von denen knapp die Hälfte im Außendienst arbeitet.  

Autor: alb

ZUR PERSON: MATTHIAS M. BALTISBERGER

wurde am 5. Juni 1949 in Basel geboren. Nach Ausbildungen zum Chemielaboranten und Chemiker trat er 1972 seine erste Stelle bei Roche in England an; von da wechselte er 73 als Leiter der Verfahrensentwicklung nach Fukuroi (Japan) und kehrte 1976 an den damaligen Roche-Standort Sisseln zurück als Leiter der Abwassereinigungsanlage. Aus der Position betreute er den Bau weiterer Industriekläranlagen und wechselte 1981 zur Pro Rheno Betriebs AG. 1990 übernahm er die Leitung des Roche-Standortes Kaiseraugst, ging von da 1999 als Werksleiter an die Standorte um München und leitet seit 2004 den Standort Basel, zu dem auch Kaiseraugst gehört. Der 62-Jährige ist verheiratet und hat drei Töchter.  

Autor: alb

Autor: Michael Baas