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22. Mai 2009

Der weiße Fleck muss weg

Gemeinden im ländlichen Raum suchen Anschluss ans Breitband-Internet und hadern mit Förderkriterien und Kosten / Von Arne Bensiek .

Über ihr marodes Telefonkabel hätten sie allen Grund zu schimpfen, die Oberprechtäler. Kaum eine andere Leitung in Baden-Württemberg ist häufiger gestört oder fällt aus. Viel schlimmer für viele Bürger ist aber: Durch kaum ein anderes Kabel im Land kriechen Internetdaten so langsam wie durch das armdicke Kupferkabel von Elzach nach Oberprechtal – Breitband-Internet ist hier Fehlanzeige. Der kleine Luftkurort mit seinen 700 Einwohnern ist ein sogenannter weißer Fleck. Er muss erst noch mit Glasfaserkabeln erschlossen werden – wie viele andere Orte im ländlichen Raum auch.

Breitband-Internet entspricht heute laut Definition einer Datenrate von mindestens 0,384 MBit pro Sekunde. Vielerorts ist diese Geschwindigkeit schon deutlich überholt und sechs MBit pro Sekunde sind Standard. Dennoch haben vier Prozent der Haushalte in Deutschland nicht einmal Zugang zu dieser Minimal-Rate. Im Landkreis Waldshut sind laut Telekom 5,7 Prozent der Haushalte abhängt. Im Landkreis Lörrach haben 3,6 Prozent kein Breitband-Internet. Besser sieht es in den Landkreisen Breisgau-Hochschwarzwald (2,8), Emmendingen (2,5) und dem Ortenaukreis (2,3) aus. Überall liegen die weißen Flecke auf dem Land.

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Nach Wunsch der Bundesregierung soll Deutschland bis Ende 2010 flächendeckend mit Breitband-Internet versorgt sein. Bis 2014 sollen drei Viertel der Haushalte sogar 50 MBit-Anschlüsse zur Verfügung stehen – ein ambitioniertes Ziel. Das ist fast zehnmal so schnell, wie in den meisten Haushalten üblich. Den Ausbau des Breitbandnetzes soll vor allem die Telekom übernehmen, die das Netz ohnehin betreibt. Doch eine gesetzliche Verpflichtung, jedem Haushalt einen Breitband-Anschluss zu bieten, gibt es für das Unternehmen nicht – das gilt noch immer nur für einen Telefonanschluss. Deshalb legt die Telekom auch nur dort neue Breitbandkabel, wo sie damit Geld verdienen kann. Beim Breitband-Ausbau im ländlichen Raum klaffen meist große Kostendeckungslücken zwischen Investition und Ertrag. Gibt es in einem Dorf oder Ortsteil nur wenige Haushalte, aber viele Kabel-Kilometer dorthin zu verlegen, kann sich die Gemeinde die Kosten für das schnelle Internet per Glasfaserkabel oft nicht leisten.

Ein weiteres Hemmnis: Zuletzt hat die Telekom ihren Breitband-Ausbau auf dem Land Raum sogar grundsätzlich infrage gestellt. Die Bundesnetzagentur hatte Anfang März den Preis gesenkt, den die Telekom von ihren Wettbewerbern als Miete für die "letzte Meile" – die Leitung vom Verteilerkasten ins Haus – nehmen darf: um 30 Cent auf 10,20 Euro pro Monat. Die Behörde versucht durch solche Regulierungen das Monopol der Telekom auszugleichen und Wettbewerb im Telekommunikationsnetz zu ermöglichen. Da die Telekom bundesweit rund acht Millionen Anschlüsse an Konkurrenten vermietet, ergibt das Mindereinnahmen von jährlich 28,8 Millionen Euro. "Für uns ist das ein großes Investitionshemmnis", sagte Telekom-Finanzvorstand Timotheus Höttges. Deshalb werde man die Ausbaupläne im ländlichen Raum auf den Prüfstand stellen.

"Die Telekom hat ein kleines Drohszenario aufgebaut", sagt Cord Lüdemann von der Bundesnetzagentur. Der Mietpreis sei sorgfältig berechnet und der Breitband-Ausbau durch die Senkung nicht gefährdet. "Das Geld ist ja nicht weg. Wir haben es nur aus der Tasche der Telekom in die Tasche der Wettbewerber getan."

In Oberprechtal liegen die schwarzen Leerrohre für ein neues Glasfaserkabel schon am Straßenrand im Gras bereit. Zwei Jahre haben Drechslermeister Claus Feninger und zehn weitere Gewerbetreibende als DSL-Initiative Oberprechtal für das Breitband-Internet gekämpft. "Unsere Gemeinde hätte versucht, den Ausbau der Glasfaserleitung wohl oder übel zu finanzieren", berichtet Feninger. Dann wurde das marode Kupferkabel vom Ärgernis zum echten Glücksfall. "Die Telekom hat sich plötzlich bei uns gemeldet und angekündigt, sie werde die Leitung wegen der häufigen Störungen bald auf eigene Kosten erneuern."

Weil mittlerweile 350 Bürger aus Oberprechtal und dem Nachbarortsteil Prechtal Vorverträge mit der Telekom abgeschlossen haben, stellt diese nun nicht einmal die Kosten für die sieben notwendigen Verteilerkästen in Rechnung. "Unsere Ausgaben müssen wir durch Verträge mit Neukunden innerhalb von vier bis fünf Jahren wieder drinhaben", sagt Telekom-Sprecher Udo Harbers. In Oberprechtal investiere man insgesamt 250 000 Euro. Sieben Kilometer Glasfaserkabel müssten vergraben werden. Zu Weihnachten sollen die ersten Haushalte ihren schnellen Internetanschluss bekommen. Vorbei sind dann die Nächte, in denen der Computer in Claus Feningers Tischlerei mühsam Aufträge und Zeichnungen heruntergeladen hat – eine stundenlange Mühsal für Anhänge mit nur wenigen Megabytes.

Doch nicht alle ländlichen Gemeinden haben so viel Glück wie Elzach und so viele Bürger, die bereit sind, einen Vorvertrag mit einem Internet-Anbieter zu unterschreiben. Daher wollen die EU, der Bund und das Land mit Förderprogrammen helfen. Baden-Württemberg stellt in diesem Jahr 20 Millionen Euro für Modellprojekte bereit. Der Zuschuss beträgt 50 Prozent der Kosten, wenn eine Gemeinde selbst gräbt oder ausbaut. Bei Zahlungen an Netzbetreiber, um deren Kostendeckungslücke zu schließen, übernimmt das Land 40 Prozent, maximal aber 30 000 Euro pro Gemeinde.

Die Oberprechtäler haben sich nie um einen Zuschuss bemüht. "Der Haken daran ist, dass man den Auftrag dafür öffentlich ausschreiben und für jede Technik offen sein muss", sagt Claus Feninger. Den Zuschlag bekomme dann der günstigste Anbieter. "Das kam für uns in Oberprechtal nicht in Frage, weil es große Vorbehalte gegen die Strahlung eines mögliches Funknetzes gab."

In der Gemeinde Kleines Wiesental gibt es die gleichen Befürchtungen, zurzeit noch ein paar weiße Flecke – und demnächst ein Funknetz. Dafür bekommt die Gemeinde, die bisher zu den am schlechtesten versorgten Gebieten im Land zählte, einen Landeszuschuss von 22 000 Euro aus dem "Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum". 30 000 Euro trägt sie selbst. Die günstigste Breitband-Lösung bot die Firma Stiegeler aus Schönau, die derzeit mehrere Funkantennen installiert. "Ein Glasfaserkabel zu verlegen, hätte uns mehrere Millionen Euro gekostet, weil der nächste Verteiler mit DSL in Schopfheim steht", erläutert Jürgen Tiedemann, Amtsverweser im Kleinen Wiesental. Demnächst haben zwar alle Ortsteile im Kleinen Wiesental die Möglichkeit, mit einer Datenrate von einem MBit zu surfen, die Gemeinde hat aber schon jetzt Streit mit einer Bürgerinitiative. Die fordert, die Funkantennen zwischen 0 und 6 Uhr abzuschalten.

Oliver Sachs kennt sich mit Funknetzen aus. Der Betreiber einer IT-Firma hat 2003 den Verein Dorfnetz-Mappach gegründet und ein Funknetz installiert, das 110 Haushalte in Mappach und Maugenhardt bei Efringen-Kirchen mit circa drei Mbit pro Sekunde schnellem Internet versorgt. Die Zukunft sieht er allerdings woanders: "Funknetze können immer nur eine Übergangslösung sein", sagt Sachs. Sie seien viel anfälliger als Glasfaserkabel, und hohe Bandbreiten per Funk seien ab einem bestimmten Punkt nicht mehr bezahlbar. "Ich bin froh, wenn bei uns eines Tages das Kabel liegt, dann hört unser Verein auch gerne auf." In Mappach müssten dafür noch 400 Meter Leerohr verlegt werden, für bis zu 40 000 Euro. Noch rechnet sich der Schritt nicht.

Autor: / Von Arne Bensiek