Lebensmittelversorgung

Die Aquaponik ist in Südbaden angekommen

Petra Völzing

Von Petra Völzing

Mo, 02. Februar 2015 um 08:59 Uhr

Wirtschaft (regional)

Oben Pflanze, unten Wasser mit Fisch: Aquaponik verbindet nun auch in Südbaden Fischzucht und Gemüseanbau in einem Wasserkreislauf. Der Weg zum Durchbruch ist aber noch lang.

Sie ist ein charmanter Gedanke und in den Augen einiger Forscher und Ernährungsaktivisten ein wichtiger Baustein für die Lebensmittelversorgung der Zukunft: Aquaponik. Das ist ein System, bei dem in einem Gewächshaus mit dem gleichen Wasserkreislauf Fischzucht betrieben und Gemüse in Hydrokultur angebaut wird. Dabei dienen die Nährstoffe, die die Fische abgeben, den Pflanzen als Dünger. Weil ein Filtersystem eingesetzt wird, muss nur wenig Frischwasser zugeführt werden. So lassen sich ressourcenschonend, platzsparend und energieeffizient Nahrungsmittel produzieren.

Nun ist die Aquaponik in Südbaden angekommen. Franz Schreier, Physiker und Energieeffizienzberater, hat in Neuenburg nahe dem künftigen Landesgartenschaugelände für 550.000 Euro ein solches Hightech-Gewächshaus gebaut. Der Innovationsfonds der Badenova hat das Vorhaben mit 170. 000 Euro gefördert.

Tüftler entwickelt Komponenten des Systems

Entwickelt wurde das aquaponische System 1985 in den USA. Dort gibt es auch eine größere Community, die die Idee vorantreibt. Franz Schreier ist überzeugt von dem Verfahren. Sein Ziel ist es, diesem auch in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen. Viele Komponenten des Systems hat der Tüftler mitentwickelt – zum Beispiel Photovoltaikmodule, die gleichzeitig der Verschattung dienen, besonders energiesparende Plasmalampen und Flöße aus Biokunststoff auf Holzfaserbasis, in denen die Gemüsepflanzen in Kokosfaser und Substrat ohne Erde auf dem Wasser schwimmen.

Auf der Nordseite ist das Haus in Passivhausbauweise gebaut. Die Sonnenseite ist mit einer halbrunden Folienkonstruktion abgespannt. Mit einem Speichersystem für die Solarenergie und einer Wärmepumpe ist Schreiers Gewächshaus fast unabhängig von externer Energiezufuhr. Nun wachsen dort Tomaten und Salate, während sich in einem der Becken die ersten Störe tummeln – Schreiers Lieblingsfische. Die werden demnächst durch Zander ersetzt, denn die lassen sich besser vermarkten. Außerdem werden Störe zu groß.

Noch verdient Schreier mit der Aquaponik kein Geld. Um das zu ändern, hat er sich den Namen Ownfood als Marke eintragen lassen. Damit will er sowohl die Produkte als auch die selbstentwickelten Komponenten des Gewächshauses vertreiben. "Ich habe bereits einige Komponenten verkauft", berichtet er. Die Plasmalampen und die Photovoltaikmodule kämen bereits in Japan zum Einsatz. Für die Abnahme von Fisch und Gemüse initiierte er Kooperationen mit mehreren Restaurants in der Region. Vor allem Kräuter sind gefragt. Deshalb schwimmen neben dem Salat Basilikum und bald auch Minze auf dem nährstoffreichen Wasser.

Fokus auf regionale Kleinvermarktung

Wirtschaftlich gesehen spielt die Lebensmittelerzeugung mit Aquaponik in Deutschland keine Rolle. Reinhart Sosat, Geschäftsstellenleiter des Landesfischereiverbandes Baden-Württemberg, bewertet auch die Aussichten dieser Technik skeptisch. "Der Markt für Fisch ist unter wenigen Großhändlern aufgeteilt, und die sind nur an großen Mengen interessiert", sagt er. Danach komme nur noch die regionale Kleinvermarktung in Frage – Auch habe es bei Aquakultur in Kreislaufanlagen häufig Probleme mit der Qualität des Fisches gegeben. Wirklich erfolgreich ist nach Aussage Sosats in Deutschland nur die Forellenzucht in Baden-Württemberg und die Karpfenzucht in Bayern.

Doch nicht alle in der Branche sind so skeptisch. Das Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) hat unter dem Titel Tomatenfisch ein Aquaponik-Großprojekt initiiert. Das ehrgeizige Ziel: Mit Blick auf den Massenmarkt eine wirtschaftliche Produktion zu ermöglichen. "Um wirklich nachhaltig Nahrungsmittel zu produzieren und einen Umweltentlastungseffekt zu haben, muss man in die breite Anwendung gehen", sagt Projektsprecher Johannes Graupner. Deshalb startet ein EU-finanziertes Großprojekt mit vier großdimensionierten Aquaponik-Anlagen in Belgien, Deutschland, Spanien und China.

Franz Schreiers Weg ist noch lang, aber noch lange nicht zu Ende. Er hat in der Nähe seines Firmensitzes im hessischen Heppenheim eine 8000 Quadratmeter große Gärtnerei gekauft. Dort entsteht ein weiteres Aquaponik-Gewächshaus – und es ist noch Platz für weitere.

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