Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
31. Januar 2012
Südbaden
Handwerk jagt Fachkräfte
Die Gewerke in der Region haben volle Auftragsbücher – aber bald zu wenig Mitarbeiter.
FREIBURG. Das Jahr 2011 war ein Rekordjahr für das Handwerk in Südbaden. Fast zwei Drittel (64 Prozent) der Handwerksbetriebe, die auf eine Umfrage der Handwerkskammer Freiburg geantwortet haben, blicken auf ein gutes Geschäft zurück und noch mehr (67,9 Prozent) glauben, dass es auch 2012 gut bleibt. Nur eine Minderheit von sechs Prozent ist nicht zufrieden.
Diese Zahlen gab die Handwerkskammer am Montag in Freiburg bekannt. Die Optimisten sitzen demnach vor allem in den Gewerken, die innen und außen am Bau oder in der Metall- und Elektrobranche tätig sind. In einer Art Bilanzpressekonferenz dokumentierten Handwerkspräsident Paul Baier und die Geschäftsführung, dass sowohl die Umsätze, als auch die Zahl der Betriebe und Beschäftigen im Kammerbereich zwischen Achern und Lörrach gestiegen sind.Allerdings in unterschiedlicher Ausprägung: Während der Umsatz im Vergleich zu 2010 um 7,5 Prozent von 8,14 Milliarden Euro auf 8,75 Milliarden Euro gestiegen ist, stagniert die Zahl der Betriebe. Sie stieg nur leicht um 0,9 Prozent (absolut: 137) auf 15 695 an. Die Zahl der Beschäftigten nahm um 1,9 Prozent (absolut: 1946) auf 101 760 zu.
Werbung
Demnach hätte rein rechnerisch nur jeder achte Betrieb einen neuen Handwerker eingestellt, bei insgesamt ungleich höher gestiegenem Umsatz. Kommt es also schon zu langen Wartezeiten? Fast jeder fünfte Betrieb sei "an der Kapazitätsgrenze", räumt Hauptgeschäftsführer Johannes Burger ein, doch Angst vor zu langen Wartezeiten bräuchten Hausbauer und andere Kunden nicht zu haben. Die Handwerker seien vernünftig genug, einen Auftrag "an einen vertrauenswürdigen Kollegen" weiterzureichen, wenn sie ihn selbst nicht erledigen könnten.
Das wird künftig öfter vorkommen, denn das Handwerk spürt am schmerzhaftesten, dass der Ausbildungsmarkt eng geworden ist. Die Industrie lockt mit kürzeren Arbeitszeiten und besserer Entlohnung. Das Handwerk muss um Nachwuchs kämpfen, im vergangenen Jahr stieg die Zahl der neuen Azubis (2464) nur um ein halbes Prozent, immerhin stieg die Zahl der Jungmeister (446) um vier Prozent, obwohl seit 2005 der Meisterbrief nicht mehr überall Voraussetzung für das Führen eines Handwerksbetriebes ist. Doch viele Betriebe, in Südbaden rund 3500, werden in den nächsten Jahren Nachfolger brauchen. Nur noch in 40 Prozent der Fälle (früher: 60 Prozent) wird das jemand aus der Familie sein.
Der Kampf um den Nachwuchs ist somit die wichtigste Aufgabe für Handwerk und Kammer. Es gibt jede Menge Programme und Projekte, etwa wie man mehr Schulabgänger für die duale Berufsausbildung interessiert. Es gibt sogar konkrete Pläne, wie man Jugendliche aus dem Elsass und aus Spanien, wo die Jugendarbeitslosigkeit groß ist, zur Ausbildung nach Südbaden holen kann. Die Zeit drängt, denn viele Hauptschulabsolventen werden dieses Jahr nach der neunten Klasse keine Lehrstelle suchen, sondern ein weiteres Jahr die Werkrealschule besuchen. Deswegen, fürchten die Handwerker, werden ihnen noch mehr Interessenten für Lehrstellen fehlen.
Autor: Heinz Siebold
