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05. November 2017 18:39 Uhr

Klimawandel

Öko-Institut in Freiburg: "Jetzt wird’s superkritisch"

Das Öko-Institut in Freiburg hat die Energiewende in die Welt gebracht – sowohl den Begriff als auch das Konzept. Dabei hat die Politik es in seinen Anfängen vor 40 Jahren gar nicht ernst genommen. Jetzt prognostiziert es eine dunkle Zukunft. Ein Gespräch.

  1. Klimakiller Braunkohle: Steuert die Politik um? Foto: dpa

  2. Rainer Grießhammer, Geschäftsführer des Öko-Instituts Freiburg Foto: Patrick Seeger

Vor 40 Jahren wurde in Freiburg das Öko-Institut gegründet. Geschäftsführer Rainer Grießhammer blickt auf die bewegte Geschichte des Instituts zurück und warnt vor den verheerenden Folgen des Klimawandels. Entscheidend seien die nächsten 10 bis 20 Jahre. Mit ihm sprach Klaus Riexinger.

Der Sonntag: Herr Grießhammer, die Wurzeln des Öko-Instituts liegen im Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk in Wyhl. Wie kam es damals zur Gründung eines Forschungsinstituts?
Grießhammer: Die Bürgerinitiativen klagten damals gegen das AKW Wyhl, sie fanden aber keine unabhängigen Gutachter. Entweder arbeiteten die Gutachter für die Betreiber oder für die Genehmigungsbehörden – oder es waren überzeugte AKW-Befürworter. So entstand die Idee, einen Verein aus Wissenschaftlern zu gründen, der die Umweltbewegung berät.

Der Sonntag: Haben die Aktivisten der ersten Stunde dann ein Gutachten zu Wyhl erstellt?
Grießhammer: Ja – aber das waren eben wissenschaftlich erarbeitete Gutachten. In der evangelischen Akademie Tutzing gab es dann eine große Diskussion über Atomkraft mit dem damaligen Bundesforschungsminister Volker Hauff. Hauff sagte schließlich: Wenn ihr so viel gut begründete Kritik habt, dann schreibt das doch mal aus wissenschaftlicher Sicht zusammen. Daraus entstand ein umfangreiches Kompendium. Das war einer der ersten bezahlten Aufträge. Die Projekte wurden am Anfang ansonsten ehrenamtlich bearbeitet.

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Der Sonntag: Die erste Studie wurde also vom Staat bezahlt?
Grießhammer: Ja, das war erstaunlich. Dann gab es bald einen zweiten Auftrag zum Chemikaliengesetz vom Umweltbundesamt. Danach kam sehr lange nichts mehr.

Der Sonntag: Haben Sie mit Ihren Gutachten die staatlichen Stellen beeindruckt?
Grießhammer: Auf jeden Fall. Im Bundestag gab es sogar eine Enquetekommission zur künftigen Kernenergiepolitik. Die wurde wesentlich durch unsere 1980 erstellte Studie "Die Energiewende" beeinflusst – die Konzeption für unsere heutige Energiewende.

Der Sonntag: Energiewende ohne Atomkraft und Öl: Sie wurden damals wahrscheinlich für verrückt erklärt.
Grießhammer: Ja, das passierte tatsächlich. Richard Löwenthal etwa sagte im ZDF-Magazin, dass die Verzögerung des Kernkraftwerksbaus die deutschen Stromkunden bis zur Jahrhundertwende 140 Milliarden Mark koste. Uns machte er dafür mitverantwortlich, weil wir die Bürgerinitiativen mit Argumenten versorgten. Das damalige Kernforschungszentrum Jülich hat mit einer Gegenstudie auf das Energiewende-Gutachten reagiert.

Der Sonntag: Das hat Sie doch geehrt.
Grießhammer: Ja. Witzigerweise habe ich erst vor ein paar Monaten einen Autor der Gegenstudie getroffen. Er hat mir gesagt: Das gehöre zu den dunklen Punkten seiner Karriere (lacht). Die Forscher im Kernforschungszentrum Jülich machten damals den Fehler, dass sie die starken Wachstumsjahre in ihren Prognosen einfach linear fortgeschrieben haben. Daraus leiteten sie einen Bedarf für viele neue AKW ab. Wir hatten hingegen auf Einsparpotenziale und erneuerbare Energien gesetzt. Und recht behalten.

Der Sonntag: Waren Sie damals von der Machbarkeit einer Energiewende überzeugt?
Grießhammer: Wir waren uns relativ sicher, dass es funktioniert. Wir sind aber nicht davon ausgegangen, dass sich die Kosten der erneuerbaren Energien in so kurzer Zeit so stark reduzieren.

Der Sonntag: Ist am Öko-Institut der Begriff der Energiewende entstanden?
Grießhammer: Wir haben die Energiewende in die Welt gebracht – sowohl den Begriff als auch ein durchgerechnetes Konzept. Der Regierungsbeschluss zur Energiewende kam erst 2011 nach Fukushima, allerdings gab es in den Jahren davor schon viele Aktivitäten zur Energiewende – mit dem ersten Atomausstiegsbeschluss unter der rot-grünen Regierung, dem 100000-Dächer-Programm für die Photovoltaik, der Förderung nach dem Erneuerbaren-Energie-Gesetz. Ohne diese Entwicklungen im Vorfeld hätte die Bundesregierung wohl kaum die Energiewende ausrufen können.

Der Sonntag: Wo steht Deutschland heute mit der Energiewende?
Grießhammer: Die Energiewende wurde zuletzt behindert und verzögert. Grundsätzlich muss sie in drei Bereichen erfolgen: Stromproduktion, Gebäude und Mobilität. Bei den Gebäuden ist man noch relativ am Anfang. Die Ziele werden hier definitiv nicht erreicht. Ebenso wenig bei der Mobilität. Das sind die beiden großen Schwachstellen. Beim Strom gab es einen sehr guten Start – wir sind inzwischen bei einem Drittel erneuerbare Energien. Aber nach dem AKW-Ausstieg muss der Ausstieg aus der Kohle kommen. Sonst werden die Klimaschutzziele nicht erreicht. Die ganz alten Braunkohlekraftwerke müssen bis 2020 stillgelegt werden. Ich bin gespannt, was die künftige Jamaika-Koalition dazu beschließt.

Der Sonntag: Seit wann wird das Öko-Institut von der Politik und der Wirtschaft ernst genommen?
Grießhammer: Das kann man klar sagen: Das war 1986 nach Tschernobyl. Wir hatten immer gewarnt, dass ein solcher Unfall passieren kann. Und dann ist er passiert. Das war – leider – ein Nachweis, dass wir recht gehabt haben. Damals erschien ein legendärer, elfseitiger Artikel mit einem Porträt des Öko-Instituts im Spiegel. Das war damals noch das wichtigste Blatt in der Republik. Für uns war das wie ein Ritterschlag.

Der Sonntag: Welche Rolle spielt die Atomkraft heute noch am Institut?
Grießhammer: Sie ist immer noch wichtig. Zwar machen wir weniger Studien zu den deutschen AKW, weil es durch den Ausstiegsbeschluss weniger Reaktoren gibt. Aber mehr Studien zu AKW im Ausland – wir sind ja umzingelt von den ältesten und problematischen AKW. Und wir arbeiten nun zum Rückbau von Atomkraftwerken und zu einer sicheren Endlagerung. Ein neuer Aspekt ist die Reaktorsicherheit in Krisengebieten wie in der Ostukraine oder in Südkorea. Es sieht nicht so aus, als ob wir den Bereich Nuklearrisiken bald schließen könnten.

Der Sonntag: Sie haben schon früh Chemieunternehmen wie Hoechst beraten. Waren Sie sich der Gefahr bewusst, dass Sie auch instrumentalisiert werden können?
Grießhammer: Gerade die Studie zum Umbau von Hoechst war sowohl bei uns wie auch bei Hoechst höchst umstritten. Denn unsere Kritik an den FCKW, an den häufigen Störfällen von Hoechst und der Gentechnik hatten das Unternehmen stark in Bedrängnis gebracht. Gegen eine Instrumentalisierung haben wir zwei Maßnahmen ergriffen: Im Vertrag haben wir festgelegt, dass wir ungeachtet der Zusammenarbeit jederzeit weiter gegen Probleme bei Hoechst protestieren können. Tatsächlich gab es dann weitere Störfälle bei Hoechst und entsprechende Kritik von uns. Zweitens haben wir intern parallel eine Kontrollgruppe eingerichtet, die die Ergebnisse noch einmal überprüft hat.

Der Sonntag: Der Club of Rome prognostizierte 1972 die Überfischung der Meere, eine Überbevölkerung, die Ausbeutung letzter Rohstoffreserven und die Zerstörung von Lebensraum. Wie gut war die Studie?
Grießhammer: Der Club of Rome hat vor zwei Dingen gewarnt: dass die Ressourcen ausgehen und dass die Umweltbelastung zu groß wird. Mit den Ressourcen hat der Club of Rome bis auf wenige Ausnahmen nicht recht gehabt. Das Hauptproblem ist aber die Umweltbelastung. Die Aufnahmekapazität der Erde für Umweltbelastungen ist beschränkt. Beim Klimawandel, beim Stickstoffeintrag durch Düngemittel und Emissionen sowie der Biodiversität werden die planetaren Grenzen überschritten. Das ist sehr gefährlich und irreversibel.

Der Sonntag: Was befürchten Sie?
Grießhammer: Mit der klassischen Umweltpolitik werden wir die Entwicklungen nicht aufhalten können. Wir brauchen einen Strukturwandel wie bei der Energiewende. Die nächsten 10 bis 20 Jahre sind entscheidend. Beispiel Klimawandel: Wenn eine bestimmte Menge Kohlendioxid in der Atmosphäre ist, ist eine massive Überhitzung der Erde nicht mehr aufzuhalten.

Der Sonntag: Das klingt nicht sehr hoffnungsvoll. Sind sie eher pessimistisch?
Grießhammer: Ich bin Berufsoptimist. Immerhin konnten wir viele negative Entwicklungen der letzten Jahrzehnte stoppen. Aber jetzt wird es wirklich superkritisch.
Quelle: Dieser Beitrag ist zuerst am 05. November 2017 in unserer Wochenzeitung "Der Sonntag" erschienen.

Autor: Klaus Riexinger (Der Sonntag)