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28. Dezember 2011 10:59 Uhr
Tradition
Südbadische Unternehmen: Im Klub der über Hundertjährigen
Mindestens 273 Unternehmen in der Region sind älter als 100 Jahre. Alt sein, ohne alt auszusehen, ist alles andere als einfach. Welche Schwierigkeiten mussten sie bewältigen? Und warum haben sie es geschafft?
Nach 139 Jahren soll sie sterben. Die Papierfabrik Albbruck am Hochrhein, 1872 gegründet, das Herz der Gemeinde, wie Bürgermeister Stefan Kaiser sie nennt, soll Ende Januar dichtgemacht werden. So hat es der finnische Papierkonzern UPM beschlossen, dem das Werk gehört. Dabei spielt das Alter der Fabrik keine Rolle. UPM hat den vorherigen Eigentümer der Fabrik gekauft, um die Menge des Papiers auf dem Markt zu reduzieren, also um Überkapazitäten abzubauen. Die Beschäftigten in Albbruck sind die Leidtragenden. Südbadens Klub der über Hundertjährigen verliert nun ein Mitglied, aber noch fast 300 Betriebe verbleiben.
Alt werden sei nichts für Feiglinge, sagte schon die Hollywoodschauspielerin Mae West. Sie starb 1980 im Alter von 87 Jahren. Alt werden können auch Unternehmen nur, wenn sie mutig immer wieder neue Herausforderungen meistern. "Das Wichtigste ist wahrscheinlich die Fähigkeit, sich immer wieder an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen", sagt der Nürnberger Unternehmensberater Arnold Weissmann, der sich speziell um Familienunternehmen kümmert.
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Doch auch in Industrie und Handel findet man quicklebendige Oldies. Die Autozulieferer IMS Gear und Framo in Eisenbach gehen auf eine Gründung von Johann Morat 1863 zurück. Die Fahrgeschäfte Mack Rides in Waldkirch (1791), die Textilfirmen Gütermann in Gutach (1864) und Brennet in Wehr (1877) gehören ebenso zum Klub wie der Haustechnikspezialist Siedle in Furtwangen (1750) und der Einmachgläserhersteller Weck in Wehr-Öflingen (1900).
Eine genaue Zahl der über Hundertjährigen können weder Kammern noch Verbände liefern, denn die Statistik ist lückenhaft – unter anderem, weil in Kriegszeiten Archive zerstört wurden. In den Zuständigkeitsbereichen der Industrie- und Handelskammer (IHK) Südlicher Oberrhein, der Handwerkskammer Freiburg, des Handelsverbandes Südbaden und des Hotel- und Gaststättenverbandes sind jedoch derzeit 273 Betriebe bekannt, die älter als 100 Jahre sind. Wenig ist das zwar im Vergleich zu den 55 000 Unternehmen, die alleine bei der IHK registriert sind. Angesichts von zwei Weltkriegen, von Inflationen und Weltwirtschaftskrisen, ist es dennoch bemerkenswert, dass es eine namhafte Zahl von Unternehmen überhaupt geschafft hat, nicht nur über 100 Jahre alt zu werden, sondern dass es ihnen gelungen ist, sich immer wieder neu zu erfinden, neue Kunden zu gewinnen, neue Märkte zu erobern und neue Produkte zu entwickeln.
Die meisten der Unternehmensgreise sind im Handel tätig, etwa der Raumausstatter Frese in Freiburg (1863), Uhren-Schmuck-Optik Febon in Endingen (1859) oder das Modehaus Blum-Jundt Emmendingen (1890). Allerdings sind viele Unternehmen mit klangvollen Namen untergegangen: "Schöpflin Hagen – weitersagen!" Vom Versandhaus im Wiesental, das die Quelle-Mutter 1999 schloss, ist nur das verwaiste Stammhaus in Hagen im Wiesental übrig geblieben.
Von anderen Traditionsfirmen sind nur noch die Marken da: Dual und Saba, die legendären Radios und Plattenspieler aus dem Schwarzwald etwa. Oder Irisette, die Bettwäsche aus dem Wiesental. Heute sind das nur noch Etiketten für Ware, die zumeist aus Fernost oder sonst woher kommt. Rothändle-Zigaretten werden nicht mehr in Lahr, sondern irgendwo im internationalen Reich der britischen Imperial Tabacco Group hergestellt. Auch Kienzle und Junghans – die Flaggschiffe der Schwarzwälder Uhrenindustrie sind heute nur noch Labels unter anderen Dächern, so wie Riegeler Bier, abgefüllt von der Fürstenberg-Brauerei, die wiederum zur Brau-Holding-International gehört. Suchards vor 110 Jahren erstmals produzierte Milka-Schokolade wird zwar zum Teil heute noch in Lörrach zusammengerührt. Aber die Chefs der lila Kuh sitzen heute in der Zentrale des Kraft-Foods-Konzerns in Northfield in den USA.
Dass ein Unternehmen mehr als 100 Jahre alt wird, ist für nüchterne Ökonomen noch kein Wert an sich. "Tradition allein sagt noch nicht viel", sagt Rosemarie Kay vom Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn. "Das Alter eines Unternehmens ist für Ökonomen eher eine Randgröße. Aus einer erfolgreichen Vergangenheit ist noch keine Zukunftsprognose möglich", sagt sie.
Es gibt viele spektakuläre Erbschaftsstreitigkeiten – siehe Oetker-Quelle oder Porsche. Trotzdem sind es meistens die Familienunternehmen, die lange leben. "Von den heute noch existierenden Unternehmen, die vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges gegründet wurden, sind 75 Prozent Familienunternehmen", sagt Professorin Sabine Klein von der Otto Beisheim School of Management (WHU) in Koblenz. "Das ist ein deutlicher Hinweis, dass Familienunternehmen nicht kurzfristige Wertsteigerung, sondern nachhaltige Entwicklung anstreben." Ob das immer gelingt, ist eine andere Frage, aber die Chancen sind in familiengeführten Unternehmen offensichtlich größer, dass guter Umgang mit Mitarbeitern und Kunden und soziale Verantwortung gelebt werden. Auch die Verschuldung ist nachweislich geringer und die Geduld größer, Durststrecken auszuhalten.
Dennoch ist die Tradition stets in Gefahr, auszusterben. Wie geht es weiter, wird jedes Jahr in mindestens 22 000 deutschen Unternehmerfamilien gefragt. In Südbaden sind es jährlich schätzungsweise 1000 Betriebe, die übergeben werden müssen. Manchmal werden externe Manager beauftragt, manchmal wird verkauft, wie vor langem Raimann in Freiburg an den Weinig-Konzern. Manchmal, wie bei Siedle in Furtwangen oder Brennet in Wehr geht das Unternehmenskapital in eine Stiftung über.
Fast 95 Prozent aller deutschen Betriebe sind Familienunternehmen. Laut Bonner Institut für Mittelstandsforschung schafft die Hälfte der deutschen Familienbetriebe den Übergang zur zweiten Generation, lediglich vier Prozent schaffen es zur dritten. Berater Arnold Weissmann sagt: "Am Ende braucht man neben all den strategischen Leistungen auch ein bisschen Fortune, um so alt und doch so jung erfolgreich bleiben zu können."
Autor: Heinz Siebold


