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07. November 2009
Vorschuss für die Nachhaltigkeit
Christian Hiß hat die Kaiserstühler Regionalwert AG gegründet – und wurde am Freitag dafür ausgezeichnet
EICHSTETTEN. Es ist nicht üblich, dass ein Landwirt eine Kapitalgesellschaft gründet, sie Bürgeraktiengesellschaft nennt und behauptet, damit sozial, ökologisch und nachhaltig zu wirtschaften. Genau das tut der Gärtnermeister Christian Hiß aus Eichstetten. Dafür wurde ihm am Freitag der deutsche Nachhaltigkeitspreis verliehen.
Christian Hiß, Jahrgang 1961, ist quasi als Biobauer geboren. Sein Vater Karl hat den Gemüseanbaubetrieb in Eichstetten am Kaiserstuhl in den 50er Jahren auf Demeter-Standard umgestellt. Er war in der englischen Kriegsgefangenschaft auf Literatur gestoßen, die eine Landwirtschaft ohne chemische Zusätze auf natürlicher Grundlage propagierte – das überzeugte ihn.Im Jahre 1981 gründete Sohn Christian Hiß eine eigene Gemüsegärtnerei, später kam ein Milchbetrieb mit einer Käserei hinzu, nach achtundzwanzig Jahren hat er seine landwirtschaftlichen Betriebe in Eichstetten in die Aktiengesellschaft Regionalwert AG überführt, die sie weiterverpachtet hat. So weit sieht alles wie ein normales Geschäft aus.
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Aber die Regionalwert AG will keine Kapitalgesellschaft zur Erzielung eines maximalen monetären Gewinns sein. Sie ist nicht börsennotiert, ihre Aktien sind sogenannte vinkulierte Namensaktien. Das sind "gefesselte" Wertpapiere, die nur mit Zustimmung der Gesellschaft gehandelt werden dürfen. Damit hält man unerwünschte Aktionäre fern und verhindert eine feindliche Übernahme. Gegen eine zu große Häufung der Anteile wurde eine Stimmrechtsbegrenzung auf 20 Prozent in die Satzung der Aktiengesellschaft aufgenommen.
Rund 1,4 Millionen Euro hat Hiß eingesammelt, verteilt auf 350 Aktionäre, zwei Drittel davon aus der Stadt Freiburg. Nicht nur Landwirte, auch Professoren, Schriftsteller, Psychotherapeuten, Volkswirte und Rechtsanwälte haben sich überzeugen lassen, dass die Regionalwert AG eine "sozialökologische Wertschöpfung" betreiben und "anderen Menschen eine finanzielle und gestalterische Beteiligung an der weiteren Entwicklung regionaler Wirtschaftsprozesse" ermöglichen" will. So steht es im Verkaufsprospekt, den das Aktiengesetz vorschreibt. Im Aufsichtsrat sitzen der Kreisvorsitzende des Bauernverbandes BLHV, der frühere Bürgermeister von Eichstetten, zwei Rechtsanwälte, ein Biologe und eine Forstwissenschaftlerin, alle aus der Region.
"Wir wollen landwirtschaftlichen Betrieben helfen, mit einer Perspektive zu überleben", sagt Christian Hiß. Das heißt bei Bauernhöfen meist, die Nachfolge zu regeln. Wenn kein Erbe da ist oder die Erben alles andere, nur nicht Landwirt werden wollen, soll die Regionalwert AG helfen, entweder einen neuen Eigentümer oder einen Pächter zu finden. Übergangsweise oder ganz kann die Aktiengesellschaft den Hof übernehmen oder als stiller Teilhaber Startkapital für einen Existenzgründer einbringen.
Soll, kann – noch ist das alles Zukunftsmusik, erst seit drei Monaten arbeitet Hiß als hauptamtlicher Vorstand. Mit der Nachfolgeregelung ist die Zukunft eines Hofes längst nicht geklärt. Kleine und mittelständische Landwirte können, davon ist Hiß überzeugt, nur überleben, wenn sie qualitativ hochwertige Nahrungsmittelproduzenten erzeugen und miteinander kooperieren. Zum Beispiel das Saatgut regional produzieren und sich nicht in die Abhängigkeit von Agrarkonzernen begeben. Und vor allem überlegen, wie und für wen sie was erzeugen wollen: Biologisch oder konventionell, als abhängiger Lohnbetrieb oder als selbstständiger Direktvermarkter, großflächiger Getreideanbau oder Spezialisierung auf Sonderkulturen. Eine Rückkehr zur kleinbäuerlichen Idylle mit Hahn auf dem Mist und Ochsenkarren wird es mit Sicherheit nicht geben.
"Wir begrüßen solche Impulse", ermuntert Richard Bruskowski, Sprecher des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes (BLHV) die Regionalwert-Macher. Der Bauernverband will seinen Mitgliedern kein bestimmtes Modell empfehlen, aber er weiß, dass der Wettbewerb den Landwirten ein Kunststück abverlangt: Spezialisierung und Aufbau mehrerer Standbeine zugleich. "Größe allein reicht nicht aus", betont Bruskowski, "man muss neue Wertschöpfung in den Betrieb holen", und sei es durch touristischen oder gastronomischen Nebenerwerb.
Der Ruf der Kaiserstühler Regionalwert AG ist bereits zum deutschen Rat für Nachhaltigkeit gelangt. Dieses Beratungsgremium der Bundesregierung hat Christian Hiß am Freitagabend in Düsseldorf den neu geschaffenen Titel eines "Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit" verliehen. Als Ermutigung und Starthilfe, weil Hiß, so die die baden-württembergische Umweltministerin Tanja Gönner, "ein Geschäftsmodell mit Zukunft" geschaffen habe, bei dem " Rendite nicht nur die betriebswirtschaftliche Wertsteigerung" darstellt, " sondern auch die soziale und ökologische Wertschöpfung".
Autor: Heinz Siebold
