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02. Dezember 2009 21:24 Uhr
Sensation
Wissenschaftler lüften das Münsterturm-Geheimnis
Karlsruher Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der Erbauer des Straßburger Münsters, Erwin von Steinbach, auch den Freiburger Münsterturm entworfen hat. Eine Sensation.
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Jahrhundertelang war der Schöpfer des 116 Meter hohen sandsteinernen Münsterturms unbekannt. Foto: Rita Eggstein
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Entwurf für den Freiburger Münsterturm aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, Ende des 13. Jahrhunderts. Foto: Universität Karlsruhe
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Entwurf aus der Akademie der Bildenden Künste Foto: Unversitär Karlsruhe
"Diese Meldung hat wie eine Bombe bei uns eingeschlagen", sagt Sven von Ungern-Sternberg. "Das ist die Sensation des Jahrhunderts." Der Vorsitzende des Münsterbauvereins gerät bei den jüngsten Forschungsergebnissen Karlsruher Wissenschaftler ins Schwärmen.
Sie haben herausgefunden, dass der Erbauer des Straßburger Münsters, Erwin von Steinbach (um 1244 bis 1318), auch den Freiburger Münsterturm entworfen hat. Bisher ging man davon aus, dass der 116 Meter hohe Turm das Werk zweier Baumeister ist, deren Namen bislang unbekannt waren.
Die Karlsruher Forscher weisen nach, dass der um 1270 entworfene Freiburger Turmhelm und nicht jener des Kölner Doms der erste offene Maßwerkhelm der Gotik ist. Seit zwei Jahren arbeitet ein Team von Wissenschaftlern um Johann Josef Böker, Leiter des Instituts für Baugeschichte an der Universität Karlsruhe, und die Expertin fürs Freiburger Münster, die Doktorandin Anne-Christine Brehm, an einem Projekt, bei dem alle rund 600 existierenden gotischen Architekturzeichnungen (Risse) untersucht werden. Entscheidend war, dass am Anfang des Projekts die Untersuchung der Pläne des Straßburger Münster stand, denn nur so wurden erstmals die Straßburger und die Freiburger Zeichnungen miteinander verglichen.
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URENTWURF MIT SCHLECHTEM IMAGE
Vom Freiburger Münsterturm existiert eine ganze Reihe von Bauzeichnungen, die alle innerhalb von 25 Jahren, noch zu Lebzeiten Erwin von Steinbachs, entstanden sind und aufeinander folgende Entwicklungsstufen nachzeichnen. Archiviert sind sie in Wien, Nürnberg, Basel, Fribourg (Schweiz), Berlin und Stuttgart.
Der Nürnberger Entwurf im Germanischen Nationalmuseum, der als Urentwurf gilt, habe ein "besonders schlechtes Image" gehabt, weil darauf das Portal viel zu hoch erscheine, der Turmhelm überdimensionierte Krabben (so nennt man die Blattformen außen am Turmhelm) habe und die Spitze viel zu lang wirke.
"Im oberen Bereich", sagt Böker, "schien so ziemlich alles Fantasie zu sein. Wie eine Pastete aus unterschiedlichen Ingredienzen." Doch bald revidierten Böker und Brehm ihre Meinung über die Zeichnung aus dem späten 13. Jahrhundert, die bislang von der Forschung auf das 16. Jahrhundert datiert worden war: "So absurd ist sie gar nicht." Man müsse sich nur einiges wegdenken. "Dann stimmt es. Dann haben wir einen Maßwerkhelm, der dem gebauten sehr viel besser entspricht."
Der Durchbruch gelang den Forschern, als sie sich die Rückseite des aus vier Pergamentblättern bestehenden "Nürnberger Risses" vom Freiburger Turm genauer ansahen. Auf der Rückseite fanden sich "herrlichste Zeichnungen" (Böker), was damit zusammenhängt, dass Pergament teuer war und deshalb beidseitig verwendet wurde.
Die rückseitigen Zeichnungen konnten dem Chor des Breisacher Münsters und dem Grundriss des Münsters im elsässischen Thann zugeordnet werden. Zu guter Letzt entdeckten die Forscher auf der Rückseite des untersten der vier Pergamentblätter, die eigentlich einmal die Vorderseite des Pergaments war, die Umrisse einer ausradierten Zeichnung.
Sie entpuppte sich als Entwurf der Straßburger Münsterfassade und entsprach – das belegen zahlreiche stilistische Übereinstimmungen – einer Straßburger Zeichnung von Erwin von Steinbach. Dieser hatte einen ersten Entwurf des Straßburger Münsters auf das Pergament des Nürnberger Risses vom Freiburger Turm gezeichnet. Thann, Breisach, Straßburg und Freiburg auf einem Entwurf, das konnte kein Zufall sein.
Die Schlussfolgerung: Der Grundriss des Thanner Münsters, der Breisacher Chor, die Straßburger Fassade und der Freiburger Turm wurden von ein und demselben Baumeister entworfen: von Erwin von Steinbach, der wohl auch für alle Änderungen des ursprünglichen Münsterturmentwurfes verantwortlich war.
Einen endgültigen schriftlichen Beweis liefert zudem die bislang wegen ihrer vielen Legenden nicht ernst genommene Thanner Chronik des Franziskanermönchs P.F. Malachiam Tschamser. Sie benennt Erwin von Steinbach als denjenigen, der 1275 einen Riss des Freiburger Turms angefertigt haben soll.
- Steinaustausch: Wuchtige Arbeiten am Freiburger Münsterturm
Autor: Frank Zimmermann


