Gewitter über Moskau

Wladimir Putin, der Schirmherr der WM

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Mo, 16. Juli 2018 um 20:26 Uhr

Fußball-WM

Die dunklen Gewitterwolken über dem Luschniki-Stadion von Moskau entluden sich just in dem Augenblick, in dem sich Staatenlenker und Funktionäre anschickten, die Finalisten Frankreich und Kroatien zu ehren.

Silberiodid ist eine chemische Verbindung aus Silber und Jod. Schießt man es mit Raketen in eine Gewitterwolke oder versprüht man das Salz aus Flugzeugen heraus, steht die Chance gut, dass die Wassermassen sich an Ort und Stelle ergießen. Auf diese Weise lassen sich Wolken fernhalten. Sie können dann nicht mehr weiter wandern und ihren feuchten Inhalt an prekären Orten entleeren – etwa über den Köpfen von Staatspräsidenten am Abend eines WM-Finales. Es ist nicht bekannt, ob Russland am Sonntagabend versucht hat, sich der Silberiodid-Technik zu bedienen. Geklappt hat es jedenfalls nicht.

Die voluminöse Wolke parkte just über dem Luschniki-Stadion und verrichtete ihr Werk über den Mächtigen der Welt. Auch die Fußballer Frankreichs und Kroatiens brauchten nach dem Spiel eigentlich nicht mehr duschen gehen. ZDF-Kommentator Béla Réthy grübelte über der Frage, was wohl der Maßanzug des französischen Präsidenten Emmanuel Macron gekostet haben mochte. In den sozialen Medien debattierte die Netzgemeinde engagiert, warum zunächst einzig und allein der russische Präsident Wladimir Putin der Gunst eines Schirms teilhaftig geworden war. Weibliche Beobachter grübelten über der Frage, warum Putin, bekannt für sein eher konservatives Frauenbild, seinen Regenschutz nicht galant der kroatischen Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic andiente.

Viele Frauen staunten darüber hinaus, wie lange die Frisur der Kroatin saß und dem Starkregen standhielt – und wie fröhlich sie klitschnass die Szenerie genoss, während Putin, der Wohlbeschirmte, ein wenig bedröppelt drein schaute. Fifa-Präsident Gianni Infantino wiederum musste sich zumindest hinsichtlich seiner Frisur keine Sorgen machen. Die so perfekt organisierte WM lieferte ganz am Ende reichlich Stoff für humorvolle Deutungen und hielt eine beruhigende Erkenntnis bereit. Wenigstens vor den Naturgewalten sind (fast) alle Menschen gleich.