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12. Juli 2012

Wo bitte geht’s zum Meer?

TRAGIKOMÖDIE: Bernd Böhlich erzählt in "Bis zum Horizont, dann links!" von Lebenslust im Alter.

  1. Raus aus dem Heim: Herr Tiedgen und Frau Simon (Otto Sander, Angelica Domröse, vorne) Foto: neue Visionen

Warum die Seniorenkomödie so boomt? Vielleicht weil sie fast mühelos die beiden Pole jeder guten Komödie vereint: Oberfläche und Tiefe. Fürs Vergnügen sorgen Pannen und Peinlichkeiten, Krücken und Tücken, Starrsinn und Schnoddrigkeit: Alte Menschen können mit ihren nicht mehr einwandfrei funktionierenden Körpern und Köpfen ganz schön komisch sein. Lachnummern aber werden sie nie, denn wenn die Tage zur Neige gehen, wird jede verpasste Chance uneinholbar, bekommt jede Abgeklärtheit etwas Abgründiges. Und der Hunger nach Leben, nach Bewegung, Freiheit, Liebe ist unbedingter denn je. Das Lebensabend-Lustspiel wird so zum Ernstfall der Komödie, und das goutiert nicht nur die Generation 60 plus, wie der Erfolg von John Maddens britischem Film "Best Exotic Marigold Hotel" und Stéphane Robelins französischem Gegenstück "Und wenn wir alle zusammenziehen?" gezeigt hat.

Jetzt kommt die deutsche Variante in unsere Kinos. Sie spielt nun nicht im exotischen Indien oder in einer lebenslustigen Alten-WG, sondern in einem biederen deutschen Seniorenheim mit dem beschaulichen Namen "Abendstern", aber Anarchie, Aufbruch und Abheben gibt es allemal. Dazu exzellente Altschauspieler – nicht ganz die internationale Liga, die Madden und Robelin versammeln konnten, von Judi Dench bis Jane Fonda, aber durchweg sehenswert, allen voran Otto Sander und Angelica Domröse. Und der Sachse Bernd Böhlich (Buch und Regie) beweist wie schon in "Du bist nicht allein" (2007) jetzt auch in "Bis zum Horizont, dann links!" sein Händchen für Witz und Warmherzigkeit der Tragikomödie.

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Die beiden großen alten Theater- und Bühnendarsteller Sander und Domröse verkörpern die zentralen Figuren im "Abendstern": Sie als Neuzugang Annegret Simon, die von der Familie hierher abgeschoben wird, weil der Sohn Karriere machen will in den USA. Und er als einsamer Eigenbrötler Eckehardt Tiedgen, Heimbewohner seit Jahren, aber mitnichten angepasst. Nur wenn Pflegerin Amelie (Anna Maria Mühe) im dekolletierten Krankenschwesterndress vorturnt, ist er mal gerne bei der Sache. Frau Simon und Herr Tiedgen sind Seelenverwandte in Zynismus, Stolz und Traurigkeit. Das zeigt sich schon in der ersten Nacht, als die Schlaflosen einander auf dem Flur begegnen und verstehen ohne Worte.

Am nächsten Morgen sind die Senioren zu einem Rundflug eingeladen, und zur Überraschung aller wartet Tiedgen plötzlich mit einer waschechten Polizistenknarre auf und zwingt die Piloten (Thilo Prückner, Robert Stadlober), Kurs gen Mittelmeer zu nehmen. Die geschlossene Gesellschaft in der kleinen Propellermaschine ist ein dankbarer Mikrokosmos für köstliche wie anrührende Momente, vom flammenden Plädoyer für ein Leben vor dem Tod bis zu allerlei Scharmützeln der seit Jahren zwangsgeeinten Altengang. Da keift Herbert Feuerstein als Herr Miesbach, da kichert Ralf Wolter in bester "Sam Hawkens"-Manier, während Marion van de Kamps Fanny sich als Araberin verschleiern lässt, um den Medien eine echte Flugzeugentführung vorzuspielen.

Und tatsächlich landet man am (wegen Spritmangels beinahe sogar im) Meer, auf einer griechischen Insel. Da wird’s dann ein wenig zu mediterran heiter und rotgolden verklärt, aber Herr Tiedgen hat Recht, wenn er im Schlussbild am Strand sagt, es sei doch eigentlich ganz schön gewesen. Das Flugzeugabenteuer?, fragt einer. Das Leben, sagt er. Und, fügen wir hinzu, dieses Lebensabend-Lustspiel auch.
– "Bis zum Horizont, dann links!" (Regie: Bernd Böhlich ) läuft in Freiburg im Kandelhof.

Autor: Gabriele Schoder


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