Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

18. Oktober 2011 12:08 Uhr

Studentenschwemme

Wohnungsnot: Studenten müssen in Notlager ausweichen

Matratzenlager in Turnhallen, Zimmer ohne Duschmöglichkeit und lange Wartelisten: Zum Semesterbeginn stehen viele Studierende im Südwesten noch ohne richtige Unterkunft da.

  1. Ein Studienanfänger sitzt in einer Notunterkunft des Studentenwerks der Universität in Freiburg auf Matratzen. Foto: dpa

Der doppelte Abiturjahrgang in Bayern und der Wegfall der Wehrpflicht haben die Zahlen der Wohnheimbewerber in Baden-Württemberg explodieren lassen. Der Wohnraum wird immer knapper. Dennoch sind nicht alle Notunterkünfte der Universitäten voll belegt.

Die Zahlen der Bewerber für die von den Studentenwerken betriebenen Wohnheime sind teils um bis zu 30 Prozent angestiegen, wie beispielsweise in Heidelberg oder Tübingen. Zelten müssen die jungen Frauen und Männer aber nirgendwo: Einige Unis bieten Notunterkünfte – mit wenig Komfort. Abhilfe schafften auch neue Unterkünfte, zum Beispiel in ehemaligen Wohngebäuden der US-Armee.

"Ganz gut nachgefragt" ist das Matratzenlager in der Notunterkunft in Freiburg, sagt Renate Heyberger. Es einen Monat lang in einem der Studentenwohnheime geöffnet und bietet 50 Plätze. Aktuell gibt es in Freiburg nur noch rund 20 Zimmer in der Vermittlung, 50 weitere im Umland von privat. "Es herrscht eine unheimliche Knappheit an günstigen, uninahen Zimmern." Neu-Freiburger Studenten rät Heyberger deshalb, "sich damit abzufinden, dass nicht jeder gleich sein Wunschzimmer bekommt". Um die Wohnungsnot etwas abzumildern, hat das Studentenwerk um Privatzimmer geworben – unter anderem mit dem Konterfei von Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) auf einer Straßenbahn.

Werbung


Fast ein Drittel mehr Bewerbungen um einen Wohnheimplatz als üblich ging beim Studentenwerk in Heidelberg ein. Dort brauchen rund 33 000 Studierende ein Dach über dem Kopf – doch nur etwa 13 Prozent können in Wohnhäusern des Studentenwerks oder Wohnheimen anderer Träger unterkommen. Wer auf dem freien Wohnungsmarkt noch nicht fündig wurde, kann ein Notquartier beziehen. In einem solchen Raum stehen bis zu fünf Klappbetten und es gibt eine Toilette mit Waschbecken. Zum Duschen müssen die Neu-Heidelberger ins nahe gelegene Sportinstitut. Die Nachfrage hält sich aber noch in Grenzen: "Wenn drei gleichzeitig dort sind, ist es viel", sagt Cornelia Gräf vom Studentenwerk. Etwas Entlastung brachte zudem ein Gebäude, das zuvor der US-Armee gehörte: Im Stadtteil Kirchheim bieten insgesamt 192 Wohnungen nun Platz für 3er- oder 4er-Wohngemeinschaften.

Auch in Tübingen sind die Bewerberzahlen deutlich angestiegen. Das Studentenwerk Tübingen-Hohenheim bekam bislang zum Start jedes Wintersemesters rund 2000 Bewerbungen – dieses Jahr waren es über 3000, sagt Tilmann Beetz. Viele wären aber nach der ersten Anfrage anderweitig untergekommen, so dass er den verbliebenen rund 1800 Bewerbern etwa 1400 Plätze anbieten konnte. "In Tübingen hatten wir bislang immer einen gewissen Leerstand in den Wohnheimen, jetzt nicht mehr." Mit Blick auf die angespannte Situation wird das Studentenwerk Mietverträge nicht mehr über sechs Semester hinaus verlängern, wie das bislang ab und zu der Fall war. Die 20 Plätze im spartanisch eingerichteten Notquartier sind nur zu einem Viertel belegt.



Mit Anzeigen und Aufrufen an die Einwohner, Wohnraum zur Verfügung zu stellen, hat das Studentenwerk Konstanz gute Erfahrungen gemacht – 2010 kamen so zusätzlich 150 Zimmer auf den Markt. Doch auch dieses Jahr mussten wieder Notunterkünfte eingerichtet werden. Denn bereits Ende September waren die knapp 2000 Plätze in den elf Wohnanlagen des Studentenwerks vergeben – zahlreiche Bewerber standen da noch auf der Warteliste.

Doch nicht nur die klassischen Unistandorte sind von dem knappen Wohnraum betroffen. Auch im oberschwäbischen Weingarten, wo unter anderem die Pädagogische Hochschule angesiedelt ist, ist die Situation laut einer Mitarbeiterin des Studentenwerks "unwahrscheinlich eng". Und: "Nächstes Jahr wird"s ganz eng." Das Studentenwerk hatte deshalb einen Neubau geplant, doch dagegen hatten sich Widerstand und eine Bürgerinitiative formiert. In der Folge musste ein Stockwerk weniger geplant werden, was den Bau nicht mehr so rentabel macht. Gebaut werde aber dennoch – fertig wird das neue Wohnheim jedoch wohl erst zum Sommersemester 2013.

Mehr zum Thema:

Autor: Julia Schweizer, dpa