Wozu Kunst überhaupt gemacht wird

Herbert M. Hurka

Von Herbert M. Hurka

Sa, 22. September 2018

Literatur & Vorträge

Ein Outdoor-Museum namens St. Georgen: Die Sammlung Grässlin ist über den Ort verteilt – und zeigt jetzt den Bildhauer Meuser.

20 Grad Celsius bei einer Luftfeuchtigkeit von 55 Prozent bewahren Kunstwerke vor dem Verfall. Das gehört zum Sicherheitskonzept, das die Betreiber der Luxusdepots von Genf bis Singapur ihrer Milliardärsklientel bieten, wenn diese ihre zu Spekulationszwecken angehäufte Weltkunst bunkern muss. Kaum mehr recherchieren lässt sich die Anzahl der Picassos, Impressionisten, Pop-Art-Stars inklusive dem Zeitgenössischen aus der Produktion der "Siegerkunst", als die der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich jene Gegenwartsgattung spezifiziert, die unter quasi feudalistischen Bedingungen nahezu ausschließlich eine superreiche Kundschaft bedient. Das Publikum soll sich damit abfinden, dass der beträchtliche Teil dieser kapitalistischen Beutekunst aus den steuerbegünstigten Hochsicherheitstrakten wohl nie mehr ins Licht einer Museumshalle zurückfinden wird.

Es leuchtet ein, dass Ulrich Rückriems Monolith und Meusers Eisenskulptur im St. Georgener Stadtgarten klimaresistent sind. Ebenso ungefährdet sind die Kunstwerke an den 33 Ausstellungsorten, wo die einheimische Familie Grässlin in der mittlerweile zweiten Generation nicht nur die 13 000 Einwohner, sondern immer schon die anreisenden Kunstinteressierten an dem ausgelagerten Bestand ihrer Sammlung partizipieren lässt.

Meuser ist ein besonderes Ereignis

Bis 2019 erweitert durch das "Gastspiel" des Stuttgarter Sammlerehepaares Wiesenauer, erfasst diese virale Kunstexpansion neben dem Plenarsaal des Rathauses, die Sparkasse und die Fensterfronten jedweder leerstehender Ladenlokale. Sollte fraglich sein, ob der Wert des Grässlin’schen Fundus hinter die internationale Bunkerkunst zurückfällt, so stünde dem die kulturpolitische Bedeutung gegenüber, dass die Initiatoren der Öffentlichkeit so unbeirrbar wie eh und je am Objekt demonstrieren, wozu Kunst überhaupt gemacht wird: ganz einfach nämlich, um wahrgenommen zu werden.

Worin diese Sammlung sich ebenfalls entschieden abhebt von den Präferenzen der Großinvestoren, manifestiert sich in den sperrigen, provokativen und entsprechend polarisierenden Positionen, wie sie insbesondere die 1980er Jahre prägten. Da geraten im Heimatmuseum die aufsässigen Bilder des Ex-Punks Markus Oehlen mit den heimelig gebeizten Holzwänden aneinander, während die ungestümen Arbeiten seines Bruders Albert Oehlen unter anderem mit den ironischen Anspielungen des Malerfreundes Werner Büttner die Gänge des Rathauses zu einer verschwenderischen Gemäldegalerie umfunktionieren.

Als am dichtesten bestückt stechen die Fabriketagen der Bahnhofstraße 64a heraus, denn hier treffen sie alle zusammen. Günther Förg mit dunklen Gemälden, Georg Herold mit einem Stapel Kartons unter dem 1983 zukunftsträchtigen Titel "Datenschutz". Prominent vertreten mit einer raumgreifenden Installation aus Pillen und Birkenstämmen – nicht weit davon der gekreuzigte Frosch "Fred" – ist Martin Kippenberger. Dass ihm Anna Grässlin ein vierjähriges Refugium aus seinem rastlosen Leben bot, verdiente es durchaus, als ein Kapitel der jüngeren Kunstgeschichte geführt zu werden. Daran erinnert nicht zuletzt der postum realisierte "Lüftungsschacht" unmittelbar neben dem Kunstraum Grässlin.

Am Vorplatz der Galerie macht eine imposante, mit braunem Rostprimer bemalte Stahlskulptur auf die ganzjährige Ausstellung des Bildhauers und Objektkünstlers Meuser aufmerksam. Der Überblick über das Werk von 1980 bis 2000 kombiniert dabei die charakteristisch gefalteten Objekte mit den konstruktivistisch-geometrischen Skulpturen und Wandobjekten aus bemalten Stahlträgern. So unterschiedlich beide Werklinien ausfallen, so gemeinsam sind ihnen Herkunft und Material. Der in Essen geborene Künstler findet auf Schrottplätzen ein unerschöpfliches Reservoir vor: Stahl- und Eisenbleche, T-Träger, Heizkörper und sonstige metallene Gebrauchsgegenstände werden durch mehr oder weniger offensive Eingriffe so modifiziert, dass sie als Kunstwerke ihren einstigen Zwecken enthoben sind. Neu zugeschnitten, verschweißt, gestaucht, gefaltet und mit Mennige oder Ölfarbe bemalt, entstehen dichte Arbeiten wie das Wandobjekt "Trümmerfrauen/Extrarente", dessen zufälliger Rostfraß im neuen Kontext seine überraschende Ästhetik zu erkennen gibt. Wie Meuser ein besonderes Ereignis ist, so immer auch ein Rundgang durch das gesplittete Outdoor-Museum mit dem Namen St. Georgen.

Sammlung Grässlin, Museumsstr. 2, St. Georgen. Öffnungszeiten Kunstraum Grässlin: nach Vereinbarung, private Gruppenführungen nach telefonischer Anmeldung.