Jobmotor-Siegerporträt

WST Präzisionstechnik in Löffingen fertigt Drehteile, vorwiegend für die Autoindustrie

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Do, 20. April 2017

Wirtschaft

Welche Firma hat in Südbaden die meisten Stellen geschaffen? Wer bindet seine Mitarbeiter am besten an den Betrieb? Beim Wettbewerb Jobmotor haben die Badische Zeitung und ihre Partner außergewöhnliche Unternehmen ausgezeichnet.

LÖFFINGEN. In einer Serie stellt die BZ die Gewinner vor. Das Löffinger Unternehmen WST Präzisionstechnik gewann den ersten Preis in der Kategorie Arbeitsplätze für Firmen mit mehr als 200 Beschäftigten.

Im Löffinger Industriegebiet, mehr als 800 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, ist noch etwas Platz. Wohl nicht mehr lange, denn die WST Präzisionstechnik GmbH will hier, neben der B 31, ihren rasanten Wachstumskurs fortsetzen. Auf dem Parkplatz pfeift ein kalter Wind, es riecht bis draußen nach der Öl-Wasser-Emulsion, mit der die metallverarbeitenden Maschinen gekühlt werden. Drinnen dann ein moderner Besprechungsraum mit dem Namen "Seebuck", Kaffee, Mohnschnecken und ein aufgeräumter Chef.

Georg Willmann, 60, Firmengründer und geschäftsführender Gesellschafter, erzählt von den Anfangszeiten, er erklärt, wie er im vergangenen Jahr 80 neue Vollzeitstellen schaffen konnte und er macht sich Gedanken darüber, wie WST in einer Welt ohne Verbrennungsmotoren wohl bestehen könnte. Willmann ist, wenn man so will, der Prototyp des Schwarzwälder Tüftlers. Er wird in Bubenbach, heute ein Teil von Eisenbach, geboren, die Eltern haben in zweiter Generation eine Dreherei und beliefern jahrzehntelang die Uhrenindustrie. Georg Willmann besucht die Furtwanger Uhrmacherschule wie sein Vater und Großvater, macht den Feinmechanikermeister in Konstanz und steigt in den elterlichen Betrieb ein. 1991 wird dieser von einem Hochwasser heimgesucht, es folgt die Insolvenz. Willmann arbeitet dann beim Werkzeughersteller Iscar in Ettlingen und baut ab 1993 mit seiner Frau nebenher in einer Eisenbacher Garage die Firma Werkzeug Schleiftechnik (WST) auf, die heutige WST Präzisionstechnik GmbH.

"Der erste Kunde war IMS Gear aus Eisenbach, die Kundennummer lautete 001. Daimler hatte vor der Umstellung auf SAP die Kundennummer 027", erinnert er sich. 1994 der Umzug nach Löffingen in die Bahnhofsstraße, erstmals kommen CNC-gesteuerte Maschinen zum Einsatz. Schon bald wird es auch dort zu eng, 1999 folgt der Umzug ins Löffinger Industriegebiet. Zug um Zug wird dort erweitert, 2014 kommt das Werk 3 in Hüfingen dazu, heute produziert WST mit 588 Mitarbeitern – davon 448 Festangestellte, 25 Auszubildende, 113 Aushilfen und Leiharbeiter und zwei Rentner – auf 21 000 Quadratmetern. Noch. Der Umsatz betrug 2016 knapp 72 Millionen Euro, in diesem Jahr sollen es 80 Millionen sein, 2020 werden 100 Millionen angestrebt.

WST stellt pro Jahr 25 Millionen Drehteile in 1500 verschiedenen Ausführungen her, 70 Prozent davon für die Automobilindustrie. Aus Schmiederohlingen werden etwa Nockenwellenstücke, die an Thyssen-Krupp geliefert werden und dann in einem Jaguar oder Landrover zum Einsatz kommen, oder Lagerzapfen, die in einem Vier-Zylinder-Dieselmotor von Daimler verbaut werden. Daimler ist mit 30 Prozent Anteil der mit Abstand größte Kunde von WST. "Das sind sehr genaue Dreh- und Frästeile, die Motoren werden immer komplexer", sagt Willmann.

"Wir haben das Know-how hier, nur wenige andere Unternehmen können das bieten", sagt der Geschäftsführer Alexander Beck. Dass der immer anspruchsvollere Markt mit Qualität aus Löffingen bedient werden kann, erklärt nur zum Teil das rasante Wachstum von WST. Ohne einen finanzstarken Investor wäre dies nie möglich gewesen, meint Willmann. 2012 ist Finatem eingestiegen, Anfang 2016 hat die französische Beteiligungsgesellschaft Cathay Capital die Anteile übernommen. Aufs Tagesgeschäft werde aber kein Einfluss genommen, betont Willmann. Und da seien noch die motivierten und ehrgeizigen Mitarbeiter. Sie kommen aus 27 Nationen: aus Vietnam, Kirgisien, Gambia, Polen, Russland, Rumänien, aus Deutschland oder sonst woher. "Nie hat es deshalb bei uns Probleme gegeben", sagt Aytac Er, der türkischstämmige Betriebsrat, der seit 2004 im Unternehmen ist. Bei WST wird – auf freiwilliger Basis – im Vier-Schichten-Betrieb gearbeitet. Die Mitarbeiter, die das wollen, erhalten kräftige Zulagen und sorgen dafür, dass die Produktion rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche läuft – und dafür, dass die Maschinen ausgelastet und die Produktion dadurch kostengünstiger wird.

Das Lohnniveau im Hochschwarzwald, gibt Georg Willmann freimütig zu, liege deutlich unter dem in Stuttgart oder auch Tuttlingen, dem Zentrum der Medizintechnik. WST ist nicht tarifgebunden. Der Betriebsrat, der der Geschäftsführung gute und konstruktive Zusammenarbeit attestiert, hätte natürlich gerne Tarifbezahlung. Doch Aytac Er sagt auch, dass qualifizierte Mitarbeiter durchaus über Tarif bezahlt würden. Und: "Man kann hier aufsteigen, es gibt Karrieren vom einfachen Produktionshelfer bis zum Maschinenführer."

Neuer Standort in den

USA statt in Mexiko

Das Unternehmen WST, das schon 2010 einen BZ-Jobmotor erhalten hat, will 2017 auf 480 Vollzeitstellen wachsen. Auch soll ein neuer Produktionsstandort kommen – in Nordamerika. Lange habe man mit dem "attraktiveren Mexiko" geliebäugelt, nach der US-Präsidentenwahl sei jedoch die Entscheidung zugunsten der USA gefallen, sagt Alexander Beck. Die Gespräche mit Banken seien fortgeschritten, ein Neubau oder ein Zukauf seien denkbar. Der Standort wird wohl im Südosten der USA liegen, wo schon viele deutsche Autobauer und Zulieferer Niederlassungen haben.

Die gegenwärtige Debatte um umweltschädliche Dieselmotoren und mögliche Fahrverbote sieht man bei WST relativ gelassen. "Sicher, wir sind ein Stück weit vom Verbrennungsmotor abhängig", meint Georg Willmann. Doch seine Drehteile würden auch in Lenkungen, in Radaufhängungen und anderswo eingesetzt, also ganz unabhängig von der Motorisierung. Teile für Elektromotoren herstellen sei ebenfalls kein Problem, man sei gerüstet für neue Antriebsformen. "Wir sind dran", sagt Georg Willmann.

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