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01. März 2010
Wunderland ist abgebrannt
Der über die Jahre angelagerte Zuckerstaub wird kräftig weggepustet: Tim Burtons Film "Alice in Wonderland".
Zunächst war es lediglich "ein Weihnachtsgeschenk für ein liebes Kind" gewesen, "zur Erinnerung an einen Sommertag": eine ziemlich bizarre Geschichte von einem kleinen Mädchen, das in ein Kaninchenloch purzelt und tief unten in einem verwunschenen Wunderland landet. Nach einigem Zögern entschloss sich ihr Erfinder, der englische Mathematiker und Theologe Charles Lutwidge Dodgson, die Sache auszubauen und dem Verlag Macmillan anzubieten. 1865 erschienen, unter dem Künstlernamen Lewis Carroll, "Alice’s Adventures Under Ground", das wurde zu "Alice in Wonderland". Viele Motive daraus sind längst im kulturellen Unterbewusstsein verankert. Zumindest ein paar der berühmten Illustrationen von John Tenniel oder den einen und anderen Popsong zum Thema ("White Rabbit") trägt wohl jeder in seinem Kopf mit sich herum.
Diese Woche nun startet Tim Burtons Kinoversion mit Johnny Depp als verrückter Hutmacher und Newcomerin Mia Wasikowska in der Titelrolle. Diese "Alice" ist ein mehr als spektakulärer Farbenrausch, den alten Carroll würde es schütteln: Immerhin fand der Autor sogar die 1888 erstmals kolorierten Tenniel-Bilder im Druck so schrecklich "grell", dass er eine komplette Auflage entweder eingestampft oder halt in die USA verschickt sehen wollte. Die Amerikaner lehnten allerdings dankend ab – was für Carroll zu aufdringlich war, war für sie einfach "zu blass". Dafür haben wir jetzt die Disney-Studios, die nach ihrer superbunten "Alice"-Animation von 1951 mit Partner Burton eins draufsetzen.
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Aber kann das noch etwas Neues bringen? Bereits seit 1886 gibt es (nach wie vor erfolgreiche) Bühnenfassungen, die erste Verfilmung entstand 1903 – sie war zwölf Minuten lang, ein damals üppiges Spektakel. Bis heute kommen über dreißig "Alice"-Spielfilme zusammen, zu schweigen von den paar Hundert Bilderbüchern mit schlichten Nacherzählungen und neuen Illustrationen: oft verhübscht, verhunzt, verharmlost. Carrolls Originalerzählung lädt zu den unterschiedlichsten Lesarten ein, aber eines ist diese Fabel vom "Aufstand aller Regeln" nie und nimmer: einfach bloß treuherzig-lieblich.
Bei Burton, dem Regisseur von "Edward mit den Scherenhänden" und "Hochzeit mit einer Leiche", muss man ein Übermaß an Niedlichkeiten aber nicht befürchten. In seiner "Alice im Wunderland", die auch viel von der Carroll-Fortsetzung "Hinter den Spiegeln" einbezieht, wird der über die Jahre angelagerte Zuckerstaub kräftig weggepustet. Burton ist da radikal: Wenn die rote Herzkönigin ihr "Kopf ab!" schreit, hat das drastische Folgen. Hinter ihrem Tyrannenschloss stehen Wälder in Flammen, von Häusern sind verkohlte Kriegsruinen übrig. Wunderland ist abgebrannt. Und der verrückte Hutmacher, der Schnapp-hase, sogar die Schlafmaus sind zu Umstürzlern geworden. Alice soll jetzt mit ihnen retten, was noch zu retten ist.
Keine "Kindergarten-Alice" also. Das Mädchen ist diesmal ja auch schon 19 Jahre alt, der frühere Besuch in der Anderswelt – jenes Abenteuer also, das wir alle kennen – erscheint hier nur noch als ständig wiederkehrender, wirrer Traum. Nachdem Alice diesmal eingefahren ist durchs magische Kaninchenloch, muss sie sich sagen lassen, sie habe seinerzeit wohl etwas missverstanden: Nicht "Wonderland" heiße dieses düstere Königreich, sondern "Underland" – ganz nebenbei also eine kleine Anspielung auf den ursprünglichen, eher dunklen Titel der Carroll-Erstveröffentlichung.
Wie auch immer, zumindest einige Bewohner von "Underland" glauben fest daran, dass diese Alice genau jene strahlende Heldin ist, wie sie auf einer uralten Schriftrolle prophezeit wird – in glänzender Rüstung im Kampf gegen den Drachen der bösen Königin, Befreierin eines geknechteten Volkes. Bis der Film dann tatsächlich Fahrt in genau diese Richtung aufnimmt, gilt es noch jede Menge Burton-Zauber zu bewundern: den je nach Stimmung chamäleongleich die Farben wechselnden Johnny-Depp-"Hatter", das immer wieder aus dem Nichts auftauchende Grinsen der allseits beliebten Cheshire Cat oder eben auch eine Teeparty, wie sie so verrückt noch nie über den Tisch tanzte.
Einiges missglückt auch, Anne Hathaway etwa bleibt als Weiße Königin so flau, wie Helena Bonham Carter als die Rote ein echter Knaller ist. Magie kommt vor allem in 3D auf – auch wenn das räumliche Seherlebnis keineswegs an die neuen Standards heranreicht, die eben "Avatar" gesetzt hat. Dort wurde tatsächlich in 3D gefilmt, hier hingegen begnügte man sich noch mit einem "zweidimensionalen" Dreh und rechnete erst anschließend im Computer auf (gelegentlich bemüht wirkende) räumliche Tiefe um.
Wirklich enttäuschend aber bleibt, wie wenig dieses "Alice Reloaded" aus dem letztlich zentralen Motiv macht: dass hier eben nicht mehr nur ein kleines Mädchen durch die erdrückenden Regeln der viktorianischen Gesellschaft konfus wird, sondern wie eine junge Frau ihre Selbständigkeit erringt. Nicht genug damit, dass diese Wunderland-Emanzipation in einer ziemlich öden Schwertfuchtelei im "Narnia"-Stil gipfelt – als Abschluss einer Rahmenhandlung in der "wirklichen Welt" erobert die Einzelkämpferin auch noch den Absatzmarkt Fernost. Alice hier als eine taffe Kolonialagentin: bitte keine Fortsetzung!
– "Alice in Wonderland" (Regie: Tim Burton) kommt am 4. März in die Kinos.
Autor: Jürgen Frey
