Schöpferisch ohne Lehrplan

Michael Haberer

Von Michael Haberer

So, 26. August 2018

Herbolzheim

Der Sonntag In den Ferienschulen des Kiwanis-Clubs im Landkreis Emmendingen lernen Jugendliche in kleinen Gruppen.

"Ich habe mein Bild in Google gefunden und dann abgezeichnet", sagt Natalie Hess. Es sieht aus, als schaue jemand aus dem Fenster. Jetzt zeichnet sie die Konturen auf ein dünnes Papier, das dann auf die mit Farbe bestrichene Platte aufgelegt wird. Natalie arbeitet im Kunstraum der Emil-Dörle-Schule (EDS) in Herbolzheim. Neben ihr steht die Wyhler Künstlerin Ingrid Kauselmann und an den Tischen werkeln weitere Mädchen, sie malen und bestreichen Platten. Kauselmann lässt die Mädchen in ihrem Workshop mit Monotypie experimentieren. Die Quelle Internet am Anfang des Kunstschaffens ist für alle jungen Teilnehmerinnen selbstverständlich. Bei der großen Zahl an Zeichen- und Malmotiven, die man da finde, gebe es immer eines, das einem gefalle, meinen die Mädchen.

Der Kunstkurs ist der Teil der zweiwöchigen Ferienschule des Kiwanis-Clubs Emmendingen. Natalie ist unfreiwillig hier. "Anfangs hat mich meine Mutter gezwungen. Jetzt macht es aber doch Spaß", sagt sie. Der Druck war nicht nötig, um Natalie zu den nachmittäglichen Workshops mit kreativer Unterhaltung zu bringen, ihre Mutter wollte vielmehr, dass sie ihre Mathe-Kenntnisse in den morgendlichen Lernshops verbessert. "Im Lernshop kann ich eben nachfragen", begründet Natalie, warum sie glaubt, dass ihr der Unterricht etwas für ihre Mathe-Noten bringt. Da die erfahrenen oder angehenden Lehrer in der Ferienschule jeweils nur sieben Schüler betreuen, kann die Quadratwurzel unter vergleichsweise paradiesischen Umständen vermittelt werden. Und der Zwang zum Lernen wird dabei offenbar zur Freude am Lernen. Sie sei nun das vierte Jahr dabei und zur Ferienschule gekommen, weil auch schon ihr Bruder teilgenommen hat, erklärt die Teilnehmerin Teresa Riesterer.

"Ich muss nicht dem Lehrplan folgen", meint Ingrid Kauselmann zur Besonderheit des zweiwöchigen Kunstunterrichts in der Ferienschule. So habe sie alle Möglichkeiten, Freude an der Kunst zu wecken. "Meine Aufgabe als Künstlerin sehe ich darin, die Kinder und Jugendlichen in ihrem jeweiligen Entwicklungsstand zu fördern", sagt die 52-Jährige. Sie hat bereits Projekte in der Kita in Wyhl geleitet, unterrichtet in einer Kunst-AG in der Galura-Schule in Herbolzheim und gibt in den Räumen der EDS immer wieder Kunstkurse. Sie hat ihr Wissen aus dem Kunststudium um Fortbildungen in Pädagogik und Sozialpflege erweitert, und seit ihre beiden Kinder immer weniger die Mutter brauchen, hat sie sich als Künstlerin selbständig gemacht. Sie ist über das Rathaus zur Ferienschule gekommen. "In der Ferienschule können die Kinder und Jugendlichen Techniken ausprobieren und Erfahrungen sammeln, bei denen der Betreuungs- und Zeitaufwand im normalen Klassenverband zu hoch wäre", sagt Kauselmann. Die Freude über den Erfolg beflügele und stärke das Vertrauen in sich selbst, fügt sie an.

Die EDS ist eine von vier Schulen im Kreis Emmendingen, in denen der Kiwanis-Club eine zweiwöchige Ferienschule anbietet. Jürgen Henninger von Kiwanis geht davon aus, dass die Ferienschulen gut 35 000 Euro kosten. Rund 14 000 trage der Club. Das Geld kommt aus Spaß-Turnieren auf dem Golplatz im Stadtteil Tutschfelden. Etwa so viel wie Kiwanis steuern die Eltern bei, den Rest übernehmen die Städte.

Das Lernen in den Ferien sei eine starke Motivation für das kommende Schuljahr, meint Nanni Laupheimer, die seit dem 1. August offiziell neue Schulleiterin der EDS ist. Die Lehrer bestätigten, dass die Teilnehmer an der Ferienschule im folgenden Schuljahr auf einem anderen Niveau unterwegs seien, versichert Henninger zum pädagogischen Erfolg der Ferienschule, die zum achten Mal in der EDS stattfindet. Gerade im Mündlichen seien die Teilnehmer danach deutlich reger. Lernende Kommunikation in Gruppen von sieben Schülern und einem Lernbegleiter habe eben eine andere Qualität als Unterricht in großen Klassen.Michael Haberer