Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

09. Juni 2017

Zartes Berühren sensibler Körper

Ausstellung mit Werken von Petra Höcker im Georg-Scholz-Haus / Experimentieren mit Werkstoffen statt leblose Virtualisierung .

WALDKIRCH. Die neue Ausstellung im Georg-Scholz-Haus, die den Titel "Transparent" trägt, stellt Malerei, Installationen und Objekte der in Osnabrück lebenden Künstlerin Petra Höcker vor. "Körperlichkeit" und "Körpergefühl" sind zentrale Themen ihrer Arbeit.

Bei der Entstehung ihrer Kunstwerke, erläutert Petra Höcker in einem 2015 geführten Gespräch mit dem Bonner Kunsthistoriker Peter Lodermeyer, trete sie in eine symbiotische Beziehung zu den vielfältigen Materialien, mit denen sie ihre inneren Bilder zum Ausdruck bringt. Dabei verschwimmt die Grenze zwischen Malerei und Plastik, das einzelne Bild baut sich aus mehreren, sich überlagernden Schichten auf. Neben Bleistift und Pinsel kommen bei ihren Materialexperimenten Spachtel, Farbeimer, Malerrollen und Hände zum Einsatz, es handelt sich also um "Handwerkskunst" im Wortsinne, wie die auf Youtube veröffentlichten Videos aus ihrem Atelier zeigen. Das Experimentieren mit immer neuen Werkstoffen ist für sie ein Gegenentwurf zur digitalen Welt mit der Virtualisierung, die nur auf leblose Hüllen reduzierte Abbilder des Menschen hervorbringe. "Ich will das Leben spüren, Sinnlichkeit erfahren", sagt die Künstlerin. Ihr Kunstwerk ist dabei immer eine Entfremdung der Körper, ihre Verwandlung in Emotion und Vision, dabei nicht weniger real als die fotografische Abbildung. "Wenn ich etwas betrachte", sagt Höcker, "dann habe ich dazu ein inneres Gefühl, eine Anspannung oder Weichheit, eine Liebe oder Abneigung... ". Dieses Körpergefühl verschafft sich durch die künstlerische Arbeit Ausdruck in einer Metamorphose des Objekts.

Werbung


Objekt der Betrachtung wird auch die eigene Körperlichkeit, der Wunsch zu sehen, "was ist denn in mir?" Eine Möglichkeit sei die Meditation, das Heraustreten aus dem eigenen Körper und dessen Betrachtung von außen. Eine andere die künstlerische Annäherung an den eigenen Körper, dem man nicht entfliehen kann, der sich einem aber auch nie ganz erschließt, denn immer bleibe ein Moment der Fremdheit. Dabei, so der Kunsthistoriker Lodermeyer, gelinge es Höcker, treffende Bilder für die Unbegreiflichkeit der Körperlichkeit zu finden. Blut, Schleim, lebendiges Gewebe, die inneren Organe werden zum Thema. Diese Bilder würden gegen die Verdrängung der Leiblichkeit anarbeiten, unbekümmert um die gängige Unterscheidung von schön und hässlich. "Da fließt Blut in unseren Adern. So ist das. Wir sind da. Freu dich", formuliert es Höcker.

Der Tiefenblick ist aber nicht überwältigend und gewalttätig. Die Gemälde und Objekte sind nämlich oftmals mit transparenten Materialien wie Kunstharz überzogen, als eine Art schützender Haut, als Membran zwischen Körper und Außenwelt. Das Körperbild soll durch eine "zarte Berührung" erschlossen werden. "Mit meinen Arbeiten zeige ich, dass wir alle", als sensible Wesen, "verletzlich sind".

Verlassenheit und Vergänglichkeit werden thematisiert

Bei einem Rundgang durch die Waldkircher Ausstellung tritt zuerst eine Installation ins Blickfeld. Ausgehöhlte, hintereinander aufgereihte Schaumstoffmatratzen, die Höhlungen mit einer teils grünen, teils transparenten, aufgespritzten Masse gefüllt. Das Ganze als inneres Bild der Naturbeobachtung. Wasser und Wald, die Samtigkeit des Moores, vielleicht die wiegende Bewegung des flutenden Hahnenfußes. Festgehalten hat die Künstlerin die Leichtigkeit des Wassers in einem letzten Moment der Bewegung vor dem Stillstand. Es folgen mehrschichtige, in Schwarz und Weiß gehaltene Bilder als Ausdruck starker Emotionen, die wie die Kräfte im taoistischen Yin und Yang einander polar entgegengesetzt und doch aufeinander bezogen sind. Schwarz ist für Höcker die Farbe konzentrierter Kraft, weiß steht für heitere, loslassende Leichtigkeit. Ein großes Gemälde in braunen, weißen, blauen, roten und grünen Tönen scheint bei längerem Hinsehen zu rotieren und den Betrachter in sich hineinzuziehen. Zwei sich spiegelnd gegenübertretende farbenfrohe Muster erinnern an eine Tomographie, welche das schwammige Gewebe von Lungenflügeln mit ihren Verästelungen sichtbar macht. Ein mehrschichtiges, materialhaltiges Bild wirkt aus einiger Entfernung wie eine beinahe feinstoffliche Tuschezeichnung. In der Mitte des, ansonsten leeren, kleinen Raumes im ersten Obergeschoss des Georg-Scholz-Hauses hängt an einer Kette und einem Fleischerhaken ein aus Gaze, Erde und Kunstharz geknetetes, an ein Herz erinnerndes blutig-schleimiges "Organ". Scheu, Neugier und Berührungswunsch halten sich die Waage. Im letzten Raum schließlich schweben an der Decke befestigte, kopflose und ausgehöhlte Körperfragmente im Wind eines ständig laufenden Ventilators. Ursprünglich mit Folie umwickelte und mit einem schützenden Kokon aus Leinwand umgebene Körper haben nach dem Herstellungsprozess ihre nunmehr leeren Hüllen verlassen. Verlassenheit und Vergänglichkeit, Anwesenheit und Abwesenheit werden thematisiert. Sich sanft hin und her wiegend scheinen die Schwebenden die Leichtigkeit des Schwimmers zu haben, andererseits aber auch das Unheimliche von Moorleichen.

Info: Die Ausstellungseröffnung findet am Sonntag, den 11. Juni 2017, um 11 Uhr im Georg-Scholz-Haus statt. Am Montag, den 12. Juni, um 20 Uhr, gibt es ein Kunstgespräch mit Petra Höcker. Öffnungszeiten der Ausstellung sind Freitag und Samstag, 15 bis 18 Uhr, und Sonntag und Feiertag von 11 bis 16 Uhr. Weitere Informationen im Internet unter http://www.georg-scholz-haus.de

Autor: Helmut Rothermel