Zeit für den zweiten Aufschlag

Matthias Kaufhold

Von Matthias Kaufhold

Fr, 13. Juli 2018

Tennis

Der für den TC Schönberg spielende Schweizer Sandro Ehrat spielt fast ohne Training so gut, dass er wieder als Profi einsteigen will.

TENNIS. Die Bedeutung von täglichem Training wird in der Welt des Sports allgemein überschätzt. Keinen anderen Schluss lässt jedenfalls die paradoxe Leistungsentwicklung von Sandro Ehrat zu. Seit drei Jahren spielt der 27-jährige Schweizer aus Schaffhausen als Nummer eins beim TC Schönberg. Seit drei Jahren kommt Vereinstrainer Uli Hanser aus dem Staunen nicht mehr heraus: "Sandro trainiert eine Stunde pro Woche und spielt jedes Jahr besser", erklärt Hanser das Phänomen Ehrat. Der Spitzenspieler des Freiburger Regionalligisten spielt so gut, dass er im kommenden Herbst einen Wiedereinstieg als ATP-Profi anstrebt.

Der Tennisspieler Sandro Ehrat ist der schlagende Beweis für die Unvergänglichkeit sportlichen Talents – und Beleg für die Tatsache, dass die Rahmenbedingungen stimmen müssen, um sein Potenzial zu entfalten. Es kommt nicht nur auf tägliche Trainingspraxis an. Es müssen auch die sogenannten weichen Faktoren stimmen, um sich auf dem Platz zu verwirklichen. Ehrat, den Hanser als Familien- und Wohlfühlmenschen beschreibt, braucht dafür die Geborgenheit eines intakten Umfelds und blindes Vertrauen in seinen Körper. Auf beides kann er sich seit nunmehr drei Jahren verlassen.

Damals ging der Schweizer im Sport einen Schritt zurück, um im Leben zwei, drei Schritte weiterzukommen. Nach einer Hüftoperation, die ihn zu einer eineinhalbjährigen Pause zwang, entschied er sich, seine Profikarriere auf Eis zu legen. Der Schweizer, der es im Mai 2013 bis auf Platz 295 in der Weltrangliste gebracht hatte, wurde Tennistrainer, vorzugsweise in Dietlikon. Zwar steht Sandro Ehrat auch hier mit dem Schläger am Netz, sein Spiel kann er damit allerdings nicht verbessern. "Ich werfe Sechs- bis Siebenjährigen die Bälle zu", sagt er. Hinzu kam, dass Ehrat Papa wurde. Er wollte seinem heute zweijährigen Sohn nahe sein, statt über den Globus von Turnier zu Turnier zu tingeln.

Parallel entpuppte es sich als Glücksfall, dass Ehrat über Hansers Ehefrau, die damals im Leistungszentrum Leimen arbeitete, dem TC Schönberg empfohlen wurde. In der lockeren Atmosphäre auf der Anlage am Schildackerweg entwickelte sich der laufstarke Rechtshänder, früher einmal die Nummer 32 der Junioren-Weltrangliste, schnell zum Leistungsträger der ersten Mannschaft. In den vergangenen drei Jahren verlor Ehrat auf der Spitzenposition nur vier Einzel. "Ohne ihn hätten wir den Aufstieg im vergangenen Jahr nicht geschafft", macht Hanser deutlich – und sieht die Zukunft realistisch: "Wir werden ihn wohl nicht halten können. Mit seiner Spielstärke kann er auch in der Bundesliga an Position drei oder vier spielen."

Der Roger-Federer-Effekt strahlt auf die Szene aus

Wer mit einer Stunde Training pro Woche in der Baden- und Regionalliga Spieler, die in der Weltrangliste um Position 300 stehen, schlägt – was kann der mit gezielter Trainingssteuerung erst noch erreichen? Dieser Frage will Ehrat von August an auf den Grund gehen. Dann strebt der aktuelle Schweizer Hallenmeister wieder zurück auf die ATP-Tour. Der kleine Haken: Er braucht noch ein, zwei Sponsoren, die ihm das Jahresbudget von 60 bis 70 000 Euro für Reise-, Hotel-, Essens- und Trainingskosten ermöglichen. "Das geht fast nur über Beziehungen", sagt er. Sein Dreijahresplan sieht so aus: Im ersten Jahr unter die Top 500 kommen, im zweiten Jahr zwischen 300 und 200 stabilisieren, im dritten Jahr die Top 100 angreifen.

Klingt verwegen für eine Stand-by-Kraft im Alter von 27 Jahren? Aber nur für jene, denen die Entwicklung der vergangene Jahre im Spitzentennis verborgen geblieben ist. Den Leistungszenit erreichen viele Spieler erst zwischen 30 und 35 Jahren. Mehr als die Hälfte der Akteure unter den Top 25 der Welt sind älter als Ehrat. Der Roger-Federer-Effekt scheint stilbildend für diese Epoche. Mischa Zverev hat vor zwei Wochen in Eastbourne sein erstes ATP-Turnier gewonnen – mit 30 Jahren. "Wenn ich es jetzt nicht versuche, wann dann?", fragt Ehrat, der schon ein paar Mal als Trainingspartner des dreimaligen Gand-Slam-Siegers Stan Wawrinka fungierte.

Das Glück der späten Jahre ist für den wendigen Eidgenossen mit der starken Beinarbeit greifbar und mehr als eine hohle Phrase. Ehrat hat sein Ziel vor Augen. Es ist Zeit für den zweiten Aufschlag.

Kompakt: Nach der 1:8-Niederlage vom vergangenen Sonntag beim TEC Waldau droht dem TC Schönberg der Abstieg aus der Regionalliga. Womöglich reicht aber der vorletzte Tabellenplatz zum Klassenerhalt. Bei den abschließenden Heimspielen am Samstag gegen das TZ DJK Sulzbachtal und Sonntag gegen den TEVC Kronberg will der sieglose Tabellenletzte mit dem Franzosen Thomas Setodji noch was bewegen. Die Gegner gelten als gleichmäßig besetzte Teams ohne Leistungsgefälle. Sulzbachtal pflegt vier ausländische Kräfte aufzubieten. Im Kader von Kronberg steht Sami Reinwein, der frühere Jugendspieler des TC Schönberg.