Ein "überzogenes Treiben"

Anja Bertsch

Von Anja Bertsch

Mo, 16. Januar 2017

Zell im Wiesental

390 Jahre Zeller Fasnacht: Ausstellung zeigt viele Prachtstücke / Noch offen bis Aschermittwoch.

ZELL. Eine ungemein facettenreiche Ausstellung zur Geschichte der Zeller Fasnacht ist derzeit in der Sparkasse zu sehen. Anlass ist das 390-Jahr-Jubiläum. Umrahmt von der Hürusmusik eröffnete Hürus "Dieter us de Kirchstroß" die Ausstellung am Freitagabend.

Wien gegen Zell: So kenntnisreich wie eindrücklich gab Fasnachtshistoriker Uli Merkle den Gästen zur Einstimmung einen lebendigen Eindruck von den Anfängen der Zeller Fasnacht, die im Dreißigjährigen Krieg liegen. Unter jenen Umstände sei "Fasnacht machen" etwas ganz anderes gewesen als heute: "Umzüg, Larve, Luschdig si – gwiss nit", so Merkle. Eher wohl würde man das damalige Fasnachtstreiben heute als "Randale" bezeichnen. Tatsächlich weiß man um die Fasnachts-Anfänge denn auch dadurch, dass es 1627 von der Regierung in Wien die Anweisung gab, das "überzogene Fasnachtstreiben mit Vermummung" in Zell zu unterbinden. Die Zeller Fasnacht wie man sie heute kennt sei wohl erst Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden; erste Belege aus den 1870er Jahren berichten von Schauzügen und bunten Abenden mit Belustigung in den damals zahllosen Gaststätten. Erst Mitte der 1920er Jahre wurde das Fasnachtstreiben mit der Gründung der Fasnachtsgesellschaft Zell und erster Vogteien in geordnetere Bahnen gelenkt. Dokumente aus jener Zeit sind eher rar: Überm feucht-fröhlichen Ablauf der Sitzungen sei das Protokolle-Schreiben eher kurz gekommen, erklärte Merkle schmunzelnd. Ab jener Zeit gab es den ersten "Prinz Karneval", Fasnachtsplaketten, Fasnachtszittig und Schnitzelbänk und eine organisatorischen Ablauf, wie man ihn bis heute kenne; eben hier setzt denn auch die Ausstellung ein.

Die Ausstellung: Gemessen am Titel "Schnurre, strähle, klepperle – Fasnachtshäs vom Oberrhi" habe die Ausstellung ihr Thema eigentlich verfehlt, schmunzelte Merkle. Mit großem Engagement und Sammelleidenschaft habe Ausstellungskurator Peter Zluhan im Laufe der Vorbereitungen viel mehr Exponate über die Zeller Fasnacht zusammengetragen als ursprünglich gedacht, so dass nun der größte Teil der Zeller Fasnachtsgeschichte gewidmet ist. Die Fülle der Exponate ist beeindruckend, die Zusammenschau bietet faszinierende Über- und Einblicke, und auch der eingefleischteste Fasnächtler wird unter den Fundstücken Neues und Spannendes entdecken. Echte Raritäten sind darunter wie das mittlerweile ausgestorbene Güggel-Schrättele, das um 1949/50 sein Unwesen trieb, erste Entwürfe für das Zeller Schrättele-Häs aus den 1920ern, und auf einem vergilbten Notenblatt von 1935 ist von Hand der "Zeller Narremarsch mit Fasnachtslied" notiert. Eine großformatige Ausstellungswand zeigt 50 Hürusorden in all ihrer Unterschiedlichkeit und Originalität. Und dann gibt’s doch auch noch das eine oder andere Häs von anderswo zu sehen – ein verschmitztes "Dengele" aus Lenzkirch etwa, der grimmige "Krützsteischreck" aus Oberried oder die spitznasige "Alti Dante" aus Basel.

Ehrungen und Spende: Als Hausherr hatte Georg Ückert vom Sparkassenvorstand in seinem Grußwort die Stadt Zell als "im positiven Sinne verrückte Stadt" gewürdigt. Er verwies auf die Verbundenheit von Sparkasse und Zeller Fasnacht und bekräftigte dies mit einem Scheck über 1500 Euro, den er FGZ-Präsident Peter Mauthe überreichte. Der dankte besonders den Ausstellungsmachern Peter Zluhan und Uli Merkle. Dereinst sollen die Ausstellungstücke im Zeller Fasnachtshaus ihren Platz finden, und ein Teil der Fassadengestaltung ist auch schon gesichert: Mauthe überreichte dem Förderverein Fasnachtshaus eine großformatige Fahne.

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