Zerrissene Familien

Marius Alexander

Von Marius Alexander

Mi, 06. Dezember 2017

Kreis Emmendingen

Liga der Freien Wohlfahrtspflege pocht auf Chancen des Familiennachzugs für Flüchtlinge.

EMMENDINGEN. Im Rahmen der landesweiten Aktionswoche "Recht auf Familie − Integration braucht Familienzusammenführung" hat die Liga der Freien Wohlfahrtspflege mit harscher Kritik auf Bestrebungen reagiert, den subsidiären Schutzstatus von Geflüchteten über Mitte März 2018 hinaus auszusetzen. Was im politischen Raum verhandelt werde, sei "unsäglich" und "sehr bedauerlich", sagte am Dienstag Rainer Leweling, derzeit Liga-Vorsitzender und Geschäftsführer des Caritasverbandes Emmendingen, in einer Gesprächsrunde.

Am Beispiel des 18 Jahre alten Diaa Alhamdi aus Syrien wurde gezeigt, welche Hürden Familien jenseits aller Trennungsschmerzen auseinanderreißen. Mit 17 war Alhamdi für 2000 Euro Schleppersold in 15 Tagen nach Deutschland geflohen. Sein älterer Bruder lebte bereits in Kenzingen. Kurz bevor Diaa Alhamdi 18 Jahre alt wurde, gelang es ihm mit Hilfe der Caritas und des DRK, für seinen Vater für einen Tag ein Ausreisevisum aus dem Libanon zu ergattern.

"Es war ganz, ganz, ganz knapp", sagte Jonas Muth, Mitarbeiter des Jugendmigrationsdiensts der Caritas. Die Mutter und drei jüngere Geschwister konnten allerdings nicht ausreisen. Der Vater erhielt nach seiner Ankunft in Deutschland für ein Jahr den Status als anerkannter Flüchtling − und einen subsidiären Schutz. Sollte dieser weiterhin ausgesetzt bleiben, ist kein Familiennachzug möglich. Inzwischen hat der Vater Klage gegen seinen Asylbescheid eingereicht, der mittlerweile erwachsene Sohn hat keinen Hebel, um seine Mutter und seine Geschwister aus dem Kriegsgebiet zu befreien.

"In der Tat: Das spottet jeder Beschreibung", kommentierte Leweling die aktuelle Lage nicht nur für die Familie Alhamdi. Und Jonas Muth verwies auf die Geschwister-Kinder-Verordnung, die einen regulären Nachzug überaus schwierig gemacht habe. Dabei "wäre es möglich. Aber praktisch wird es nicht gemacht", sagte Anja Kühnel vom DRK-Kreisverband. Selbst wenn Familiennachzug funktioniert, sind nach den Erfahrungen von Muth Wartezeiten von bis zu 18 Monaten keine Ausnahme − plus einige Monate Bearbeitungszeit, ergänzte Kühnel.

Allein aus Emmendingen und der näheren Umgebung, hat Meinrad Schamotzki vom Diakonischen Werk registriert, kämen derzeit etwa 25 Menschen wegen Fragen einer Familienzusammenführung zu Beratungsgesprächen. Einige seien gar so verzweifelt, dass sie in ihre erste Heimat zurückkehrten − und fatalerweise damit ihren Flüchtlingsstatus verlören.

Im Gegensatz dazu gilt nach Überzeugung von Jonas Muth: "Familie ist der beste Integrationsmanager." Dazu müsse endlich das Klischee verschwinden, junge Flüchtlinge seien bloß geschickt worden, um Wege für den Rest der Familie zu ebnen. Darüber hinaus sei der Nachzug von Familienmitgliedern, davon waren am Dienstag die Wohlfahrtsverbände überzeugt, für die Gesellschaft zu stemmen. Anja Kühnel fasste es so zusammen: "Für die Integration sollte die Familie da sein. Erst dann funktioniert der Prozess Integration." Deshalb wollen die Verbände auch nach dem Ende der Aktionswoche die politischen Entscheider an ihre "humanitäre Verpflichtung" erinnern.