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27. Januar 2010

Martyrium über drei Generationen

Familie Kutowsky wurde wegen ihres Glaubens verfolgt.

  1. Heinz Kutowsky im Jahr 1951 Foto: privat/archiv Andreas kutowsky

  2. Herbert und Heinz Kutowsky, 1935 Foto: BZ

LAHR. Den "deutschen Gruß" verweigerten sie ebenso wie den Kriegsdienst an der Waffe. Mit einem lila Winkel wurden sie in den Konzentrationslagern der Nazis gebrandmarkt. Das Leiden der Mitglieder der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas war damit noch nicht zu Ende. Auch nach 1945 mussten sie für ihren Glauben in der DDR Verfolgung und Strafe hinnehmen. In diesem Jahr stehen die Zeugen Jehovas im Zentrum des heutigen Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus, der seit 1996 begangen wird. Drei Generationen lang hat die in Lahr ansässige Familie Kutowsky unter staatlicher Willkür gelitten. Der Grund: Sie gehörten der christlichen Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas an.

Weil Ottilie und Herrmann Kutowsky sich mit den Nachbarn in ihrem schlesischen wohnort Brieg und die von den Nazis verbotene Konfession unterhalten hatten, wurden sie vom dortigen Kreisgericht 1936 zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt. Spätestens von diesem Zeitpunkt an begann auch für die damals neun, sechs und fünf Jahre alten Kinder des Ehepaars eine über Jahrzehnte andauernde Verfolgungsgeschichte. Schläge und Sport in der Schule, weil sie den Hitler-Gruß nicht erwiderten, waren erst der Anfang. "So viel begriffen wir auch schon als Kinder: Das Heil konnte nicht von Hitler kommen – höchstens das Unheil", sagte der seit den 70er-Jahren in Lahr lebende Heinz Kutowsky, der im November vergangenen Jahres verstorben ist. "Schon der Weg zur Schule war manches Mal eine Art Spießrutenlauf."

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Die Kutowskys schworen trotz der Nazi-Reperssalien ihrem Glauben nicht ab. Nachdem der Vater aufgrund von Wehrdienstverweigerung im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert war, nahm die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) der Mutter alle drei Kinder weg. Die Begründung des Vormundschaftsgerichts: Den Eltern wird das Sorgerecht entzogen, um die Kinder dem Staat zu erhalten. Schwester Lieselotte ergänzt: "Die Erziehung nach biblischen Leitlinien soll uns wohl in den Augen der Nazis sittlich und geistig gefährdet haben."

"Ich kam aus der Schule und meine kleine Schwester war einfach weg..."

1938 kamen die inzwischen elf, acht und sieben Jahre alten Kinder zu Pflegeeltern – 50 bis 120 Kilometer entfernt von der Heimat und der Mutter. "Ich kam aus der Schule nach Hause und meine kleine Schwester war einfach weg. Das war ein Schlag für mich", sagte Heinz Kutowsky, der als letzter abgeholt wurde, im Rückblick. "Wir kamen zu fremden Menschen, die uns umerziehen sollten", erinnert sich die heute 79-jährige Lieselotte Müller. Die damals Achtjährige wurde als kostenlose Arbeitskraft nicht nur zum Holz hacken und Wäsche waschen missbraucht. Ähnlich schlecht erging es den Brüdern Heinz und Herbert.

Mutter Ottilie, von 1940 bis 1945 im Frauenzuchthaus im schlesischen Jauer inhaftiert, durfte ihren Kindern lediglich einmal im Vierteljahr einen Din-A 4-Brief schreiben, der dann in drei Teile geteilt wurde. Heinz, Lieselitte und Herbert erhielten jeweils ein Briefstück und durften sechs Zeilen zurück schreiben, erinnert sich Lieselotte Müller. Sie hielt trotz der Isolierung von ihrer Familie am Glauben fest und widerstand dem Drängen, dem Bund Deutscher Mädel (BDM) beizutreten – obwohl die Pflichtmitgliedschaft in der NSDAP-Jugendorganisation vorgeschrieben war. "Irgendwann haben sie gemerkt, dass sie es nicht schaffen, mich zu zwingen."

Mit der Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 und dem Ende des zweiten Weltkriegs war das Martyrium der Familie Kutowsky noch nicht zu Ende. 1948, beim ersten Treffen nach den Kriegswirren, erkennt die 18-jährige Lieselotte ihren Bruder Heinz und die Mutter nicht wieder. Herbert, geprägt von zehn Jahren Trennung und Nazi-Umerziehung, will von der Familie und ihrem Glauben nichts mehr wissen. Ende 1948 stirbt der Vater als Folge der neunjährigen KZ-Zeit an Nierenversagen. Heinz wird von der DDR-Justiz zu insgesamt 18 Jahren Zuchthaus verurteilt – unter anderem weil er Bibel-Abende der Zeugen Jehovas organisiert hatte. Das erste Mal 1953, das zweite Mal 1966 – da ist sein Sohn Andreas etwa genau so alt wie sein Vater, als die Nazis dessen Vater holten.

Nach der Abschiebung in die Bundesrepublik erlaubt die DDR Heinz Kutowsky nicht, seine Mutter zu besuchen – auch nicht zu ihrer Beerdigung im Jahr 1973. "Die Erinnerung daran stimmt mich heute noch sehr traurig", schreibt er 1998. Schwester Lieselotte kann er erst 1989 wieder in Halle an der Saale besuchen. "Ich weiß selbst nicht, wie wir das alles geschafft haben. Wir waren ja anfangs noch Kinder", sagt sie im Rückblick.

Info: Eine Ausstellung zur Verfolgung von Jehovas Zeugen durch die Nazis, darunter auch die Kutowskys, ist vom 28. Januar bis zum 11. Februar in de reinganshalle der Freiburger Universität zu sehen
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Autor: Sebastian Reichert/Manfred Dürbeck