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24. Dezember 2010

Zug zur Langsamkeit

Wenn der Winter die Mobilität bremst, ist eine Reaktion gewiss: Es wird gemeckert.

Es schneit, und die Mobilität von Gütern und Menschen, "just in time" vertaktet und minutengenau berechnet, strömt nicht mehr flüssig, sondern verdickt sich wie Packeis. Die Vehikel zu Lande und in der Luft verweigern den Dienst und bleiben stecken. Katastrophe? Nein. Nur Winter.

Fernsehen und Zeitungen zeigen Menschen, die sich auf Flughäfen Schlaf suchend zusammenkauern. Bahnsteige sind schwarz von Wartenden, andere völlig leer, weil kein Zug kommt. Und die Meldungen im Rundfunk über den Straßenverkehr dauern nicht zwei Minuten wie sonst, sondern zehn. All dies hält niemand vom Reisen ab. Die Menschen sind es gewöhnt, unterwegs zu sein, und die meisten sind nicht dazu gezwungen. Aber viele halten Stillstand gar nicht mehr aus, empfinden erzwungene Immobilität geradezu als Angriff auf die Menschenwürde. Und so braucht es keinen Prophetenschein, um kurz vor Heiligabend vorherzusagen, dass alle Warnungen vor Blitzeis kaum jemanden dazu verleiten werden, deshalb daheimzubleiben. Alles Unglück der Menschen komme daher, "dass sie unfähig sind, in Ruhe allein in ihrem Zimmer bleiben zu können" – sagte dazu der Philosoph Blaise Pascal vor 350 Jahren.

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Auf die erzwungene Entdeckung der Langsamkeit reagieren die Reisenden unterschiedlich, aber stets ungehalten. Am wenigsten Furor erregt der Stau auf den Straßen, obwohl die Gefahr für Leib und Leben dort am größten ist – bei Frost und Glätte sowieso. Dieser Gleichmut ist unlogisch, aber durch die Isolierung des Autofahrers zu erklären, die verhindert, dass sich seine Wut auf die Straßenmeisterei oder auf querstehende Lkw zum Volkszorn bündelt. Der Autofahrer denkt auch nicht daran, sich selbst als Teil des Staus zu begreifen. Und dass das bei Ebay kurz zuvor bestellte Weihnachtsgeschenk pünktlich zu Hause zu sein hat – natürlich per Lkw –, ist für ihn kein Widerspruch.

Erstaunlicherweise nehmen Flugreisende, die viel deutlicher als Autofahrer auch räumlich eine Schicksalsgemeinschaft bilden, ihr Geschick fast klaglos hin. Wahrscheinlich, weil sie es gewöhnt sind, wie Herdenvieh durch Gatter getrieben zu werden und auf Kommando Schnürsenkel und Gürtel abzulegen.

Den vollen Zorn kriegt stets die Bahn ab. Sie heize keine Weichen und kommuniziere nicht. Ungeschicklichkeiten des Managements kommen hinzu: Erst warnt die Bahn davor, Zug zu fahren, dann erst kommt sie auf die Idee, zusätzliche Züge einzusetzen. Die Vorwürfe sind nicht immer unberechtigt, aber maßlos. Denn die Bahn ist immer noch das angenehmste und zuverlässigste Verkehrsmittel. Sie ist Teil einer Infrastruktur, die in Deutschland insgesamt hervorragend funktioniert; sie funktioniert so gut, dass dies niemand registriert und vergleichsweise kleine Störungen gewaltiges Murren hervorrufen. Drei Stunden Verspätung, weil es geschneit hat? Diese Art Sorgen hätte man anderswo auf der Welt ganz gerne.

Autor: Niklas Arnegger