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27. Juli 2012
Zum Tod von Susanne Lothar: Die Unbedingte
Zum viel zu frühen Tod der Schauspielerin Susanne Lothar, die in ihrer Kunst stets die Extreme suchte.
Diese Bilder haben sich zuletzt eingeprägt. Eine nicht mehr junge, aber auch noch nicht alte Frau: verhärmt, eingetrocknet wie jemand, dem das Wesentliche zum Lebenkönnen fehlt. Susanne Lothar ist in Michael Hanekes grandiosem oscarnominiertem Kinofilm "Das weiße Band" die Hebamme des von Autoritätsglauben und Autoritätsanmaßung geprägten ostdeutschen Dorfes am Rand des Ersten Weltkriegs: Sie opfert sich auf für den Arzt, der heimlich ihr Geliebter ist und lässt sich von ihm, der sich von ihrem Äußeren, ihrer – ja, doch – Hässlichkeit abgestoßen fühlt, so demütigen, dass es einen beim Zuschauen fast körperlich schmerzt. Wie kann sich ein Mensch, wie kann sich eine Frau so erniedrigen lassen?
Susanne Lothar hat als Schauspielerin stets die Extreme gesucht – oder sich von ihnen finden lassen. Und sich ihnen mit dem Mut einer im Grunde zutiefst Schüchternen ausgesetzt. Schon ihre erste Rolle – in Hamburg, am Deutschen Schauspielhaus bei Peter Zadek, dem Regieberserker der 1970er und 1980er Jahre – forderte ihren Einsatz, auch körperlich, ganz: Susanne Lothar, von Statur immer sehr zart und zerbrechlich, war in Franz Wedekinds Drama das Kindweib Lulu, das Unbewusste der Männer, die Projektion männlicher Wünsche. Dazu musste sie – das war im schonungslos direkten Peymann-Theater üblich – nackt vors Publikum. Eine Überwindung für die damals 26-Jährige, die noch während ihres Schauspielstudiums ein Engagement am Hamburger Thalia Theater erhalten hatte. "Ich bin über alle Konventionen weggeflogen": So hat sie später ihre erste Arbeit mit Zadek kommentiert.
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Mit ihrer sensationellen Interpretation der Lulu war die Tochter des früh gestorbenen Schauspielers Hanns Lothar und der Schauspielerin Ingrid Andree ganz oben angekommen im deutschen Theater. Ein Sprung. Fünfmal hat Susanne Lothar, die von ihren Freunden Suse genannt wurde, mit Zadek gearbeitet. Für sie waren es ob der Intensität, mit der Zadek zu Wege schritt, gefühlte zwanzig Jahre. Dass das radikale Sarah-Kane-Stück "Gesäubert" darunter war, verwundert nicht. Für Luc Bondy stand sie ebenfalls mehrfach auf der Bühne – zur Abwechslung bei Yasmina Rezas Komödie "Drei Mal Leben" auch im (wenn auch abgründig) heiteren Fach. Sie war die Blanche in "Endstation Sehnsucht" und die Klytämnestra in Thomas Ostermeiers Inszenierung von "Trauer muss Elektra tragen".
Auch für Michael Haneke, den großen Bedingungs- und Kompromisslosen des Gegenwartsfilms, stand Susanne Lothar mehrfach vor der Kamera. Für wen auch sonst? In Hanekes verstörendstem Film "Funny Games" (1997) muss sie sie sich gemeinsam mit Ulrich Mühe, ihrem Ehemann im Film und später auch im Leben, von psychopathischen Eindringlingen grundlos zu Tode quälen lassen.
Dass sie es auch in ihrem eigenen Leben schwer hatte, mag Zufall sein. Oder auch nicht. Ulrich Mühe, mit dem Susanne Lothar seit 1998 verheiratet war und zwei Kinder hat, starb 2007 mit 54 Jahren an Krebs. Ob dieser Schicksalsschlag für ihren viel zu frühen Tod – im November wäre sie 52 geworden – mit verantwortlich ist, wird man womöglich nie erfahren. Über die Umstände ihres Sterbens bewahrt die Familie Stillschweigen. Der Verlust für die Kunst der Darstellung wiegt schwer.
Autor: Bettina Schulte



