Zwei, die sich liebten und verletzten

Hartwig Kluge

Von Hartwig Kluge

Fr, 13. Juli 2018

Kirchzarten

Literaturkritiker Helmut Böttiger liest aus seinem Buch über die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan .

KIRCHZARTEN. Es war ausweislich ein Nicht-Fussball-affines Publikum, das in die Kirchzartener Bücherstube kam und auf andere Weise als im WM-Rausch Spannung erleben wollte: eine der dramatischsten und folgenreichsten Liebesgeschichten der deutschen Literatur nach 1945.

Dazu hatte die Inhaberin des Buchladens, Kathrin Schmidt, in Helmut Böttiger einen der renommiertesten Literaturkritiker des Landes eingeladen. 2017 erschien sein hochgelobtes Buch "Wir sagen uns Dunkles", das die erste umfassende Darstellung der Beziehung Bachmann/Celan war. Er zeichnet die Liebesgeschichte zwischen diesem Königskinderpaar der deutschen Nachkriegslyrik, die erst lange nach beider Tod bekannt wurde, präzise nach. Wie viel und wie wenig da eigentlich geschah: spärliche Treffen, elegische Briefe, das innige Zwiegespräch in den Gedichten.

Helmut Böttiger bezeichnet Ingeborg Bachmann und Paul Celan als die berühmtesten Lyriker deutscher Sprache, die noch in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts fast mystisch verehrt wurden. Da man wenig über ihre Biografien wusste und sie beide früh verstorben sind, gab es viele nachträgliche Zuschreibungen. Die Frau von Paul Celan hielt alle Dokumente unter Verschluss, und erst nach deren Tod veröffentlichte der Sohn sämtliche Briefe. Endlich wurde aus diesem großen Geheimnis eine überwältigende Realität, woraus 2008 das Buch "Herzzeit" entstand, in dem der komplette Briefwechsel des Liebespaares enthalten ist. Es ist das bewegende Zeugnis zweier Menschen, die sich liebten und gegenseitig verletzten, die einander brauchten und doch nicht miteinander leben konnten.

Helmut Böttiger begann seine Lesung mit dem Kennenlernen der beiden jungen Dichter in Wien 1948 – da war Paul Celan 28 Jahre alt und Ingeborg Bachmann gerade 22 Jahre. Beide verliebten sich vehement ineinander und verlebten rauschhafte sechs Wochen, ehe Celan weiter nach Paris zog. Sie folgte ihm im Herbst 1950 dorthin, um mit ihm zusammen zu leben, was sich aber als schwierig erwies, da, wie sie schrieb, sie sich " aus dämonischen Gründen die Luft wegnehmen". Diese Grundeinstellung sollte für die fast 20 Jahre ihrer Beziehung gelten.

Danach zeichnete Helmut Böttiger das entscheidende Treffen beider beim Treffen der "Gruppe 47" 1952 in Niendorf nach. Dort wollte sie ihm die Ehe antragen, was er abschlug, da er bereits seine spätere Ehefrau Giselle kennengelernt hatte. Bei diesem Treffen entstand auch das einzige gemeinsame Foto, das sehr aussagekräftig ist. Danach brach der Kontakt ab, und fünf Jahre lang gab es keine Briefe. Erst später trafen sie sich zufällig bei einer Lesung in Wuppertal wieder und nach einer Liebesnacht entstand sein Gedicht "Köln. Am Hof". Die Beziehung wurde wieder intensiv, es gab glühende Liebesbriefe von ihr, und sie versuchten das "Einssein zwischen zwei Gegensätzen".

Nach der endgültigen Trennung 1958 in Paris begannen beider langer Krankheitsgeschichten. Paul Celan musste des öfteren in psychatrische Kliniken und beging 1970 Selbstmord in der Seine. Ingeborg Bachmann wurde bald medikamentensüchtig und starb 1970 in Rom tragisch nach einem Brand. Helmut Böttiger beschrieb das alles spannend und in großer Intensität. Sein Resümee: Die bedeutende Liebesgeschichte konnte nur "eine Einheit in der Literatur, aber nicht im Leben" sein.