Mehr als 100 Jahre Tradition

Zwei Einzelhandels-Dinos versuchen es gemeinsam

dpa

Von dpa

Di, 11. September 2018 um 20:05 Uhr

Wirtschaft

Jahrzehntelang waren sie erbitterte Konkurrenten, nun schließen sich Karstadt und Kaufhof zusammen. Ein Blick zurück:

Wie alles begann
Ende des 19. Jahrhunderts nehmen zwei deutsche Unternehmer etwa 120 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt ihr Geschäft auf. In Stralsund vor der Insel Rügen eröffnet Leonhard Tietz 1879 seinen Bekleidungsladen mit 25 Quadratmetern Verkaufsfläche. 1881 legt in Wismar der Färbersohn Rudolph Karstadt mit einem Tuchgeschäft den Grundstein für die spätere Warenhauskette. Die Kaufmänner setzen auf feste Preise und Barzahlung statt aufs Feilschen.

Als die Häuser größer wurden
Um 1890 zieht Tietz ins wirtschaftlich aufblühende Rheinland, macht sein Unternehmen zu einer Aktiengesellschaft und ebnet den Weg dafür, dass die Leonhard Tietz AG 40 Jahre später schon 43 Kaufhäuser besitzt. 1931 gehört sie zu den drei Top-Warenhäusern in Deutschland. Größer sind seinerzeit nur die von seinem Onkel Hermann Tietz gegründete Kette Hertie – und Karstadt an der Spitze. Dessen Expansion hatte schon 1884 in ganz Norddeutschland begonnen. 1931 sind es rund 90 Kaufhäuser.

Unter der Nazi-Herrschaft
Beide Firmen müssen in der Weltwirtschaftskrise der 1920er-Jahre tiefe Einschnitte hinnehmen und Filialen schließen. Die Nationalsozialisten stellen Kaufhäuser als "jüdische Erfindung" dar. Karstadt folgt den Forderungen, Angestellte zu entlassen. Die Leonhard Tietz AG wird 1933 – wie andere Häuser mit jüdischen Eigentümern auch (etwa Hertie) – enteignet und in "Westdeutsche Kaufhof AG" umbenannt. Nach dem Krieg wird Familie Tietz entschädigt.

Wirtschaftswunderkinder
Nach dem Zweiten Weltkrieg sind 35 der 40 ehemaligen Tietz-Filialen zerbombt. Karstadt verliert zudem Häuser in den abgetretenen deutschen Ostgebieten. Doch nach der Währungsreform geht es durch den zunehmenden Wohlstand und die Konsumfreude in Westdeutschland für beide bergauf. Die frühere Tietz AG expandiert und trägt von 1953 an den Namen Kaufhof. Die Häuser werden immer größer – an Fläche und Sortiment. Dem Fachmagazin Textilwirtschaft zufolge erleben Kaufhäuser in den 1970er-Jahren ihre große Blütezeit und erobern einen Marktanteil von etwa 15 Prozent.

Die erste Konsolidierungswelle
Durch Einkaufszentren, die mehrere Läden und damit ein breites Sortiment unter einem Dach vereinen, verlieren Warenhäuser ihre Sonderstellung und von den 1980er-Jahren an stetig Marktanteile. Es rumpelt im Kaufhaus-Segment. 1980 steigt der Großhandelskonzern Metro bei Kaufhof ein. 1994 schluckt Kaufhof den Konkurrenten Horten, zwei Jahre später entsteht die Metro AG. Auch Karstadt geht auf Einkaufstour und verleibt sich Hertie ein – und damit auch die Nobelkaufhäuser Ka De We in Berlin und das Alsterhaus in Hamburg.

Es geht bergab
Neben Einkaufszentren und Spezialmärkten machen den Warenhäusern Online-Shops wie Amazon und Billiganbieter wie H & M zu schaffen. Bei Karstadt steigt 1997 die Schickedanz-Gruppe mit ihrem Versandhaus-Flaggschiff Quelle ein. Doch der Karstadt-Quelle-Konzern ist angeschlagen und muss neues Geld besorgen. 2009 geht die mittlerweile in Arcandor umbenannte Karstadt-Mutter in die Insolvenz; Stellen werden abgebaut, Filialen geschlossen. 2010 kauft Privatinvestor Nicolas Berggruen die Warenhaus-Tochter. Auch für Kaufhof sieht es nicht rosig aus, Metro muss sparen und umbauen. Spätestens seit 2007 wird über einen Verkauf der Kaufhaus-Sparte spekuliert.

Die heutigen Eigentümer kommen
Berggruen hält nicht lange an Karstadt fest. Zuerst übernimmt der österreichische Immobilieninvestor René Benko die Mehrheit an den Sport- und Luxushäusern, im August 2014 geht dann ganz Karstadt für einen symbolischen Euro an Benkos Signa-Holding. Kein Jahr später zeigen die Österreicher auch Interesse an Kaufhof, doch verlieren sie den Bieterstreit gegen die kanadische Hudson’s Bay Company (HBC). So verkauft Metro seine Warenhäuser – damals die kleinste von vier Vertriebslinien – im Juni 2015 für 2,8 Milliarden Euro an die Kanadier. Für Hudson’s Bay ist es der erste Schritt auf den europäischen Markt.

Die Warenhaus AG
Schon seit Jahren gibt es Pläne für ein Zusammengehen der Giganten – verfolgt etwa von den Ex-Chefs von Arcandor und Metro, Thomas Middelhoff und Eckhard Cordes, aber auch von Karstadt-Vorbesitzer Berggruen. Alle Anläufe scheiterten jedoch bisher. Noch im Februar lehnte HBC ein Signa-Angebot für eine Kaufhof-Übernahme ab. Doch seit Dienstag ist klar: Es kommt zu einer "Fusion unter Gleichen".