Zwischen traditionell und avantgardistisch

Sarah Nöltner

Von Sarah Nöltner

Sa, 15. Dezember 2018

Klassik

Der feminine Blick: Werke von und über Lili Boulanger beim Jahreskonzert der Gedok im Freiburger Centre Culturel Français.

Lili Boulanger, der jüngeren Schwester von Nadia Boulanger, war das Jahreskonzert der Gedok (Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstfördernden) Freiburg im Centre Culturel Français gewidmet. Akiko Okabe, den Freiburgern als Pianistin beim Ensemble Aventure bekannt, brachte Werke der mit nur 24 Jahren verstorbenen Komponistin zur Aufführung sowie Stücke von zeitgenössischen Komponistinnen, die sich auf das Schaffen von Lili Boulanger beziehen.

Lili Boulanger wurde 1893 in Paris in eine Musikerfamilie hinein geboren, erlernte früh Instrumente und Harmonielehre. Ab 1909 studierte sie am Pariser Konservatorium Komposition. Bereits mit 19 Jahren erhielt sie als erste Frau überhaupt den Prix de Rome. In den sieben Jahren zwischen 1911 und 1918 schuf die gesundheitlich labile Lili Boulanger über 50 Werke, die ihre Zeitgenossen außerordentlich beeindruckten. Ihre Tonsprache bewegt sich zwischen traditionell und avantgardistisch, beim Gedok-Konzert kamen Klavierminiaturen und Stücke für Klavier und Sopran (gesungen von Svea Schildknecht) zur Aufführung. Valérie Batailler sprach Texte von Lilis enger Freundin Miki Piré in französischer Sprache.

Okabe ließ die kurzen Stücke (D’un vieux jardin, D’un jardin clair und Prélude in Des) mit zartem Ausdruck erklingen: lyrisch, nachdenklich, doch überaus klar und sinnlich in der melodischen Gestaltung. Mit heiterem Charakter und voller Energie hingegen präsentierte sie "Cortège" in der Fassung für Klavier solo.
Gemeinsam interpretierten Schildknecht und Okabe drei Lieder Lili Boulangers: "Reflets", "Elle est descendu" und "Elle est gravement gaie". Schildknecht bedachte die langen Töne in den Melodien mit ausladendem Vibrato, das fast ein wenig dramatisch wirkte.

Drei Uraufführungen und eine deutsche Erstaufführung bot der Abend außerdem: Die Gedok hatte drei Kompositionsaufträge mit Bezug zum Werk Lili Boulangers vergeben. Bei den Zeitgenossinnen ließen die verfremdenden Klavierpräparationen aufhorchen (Mia Schmidt: "Allegretto Allegato"; Charlotte Seither: "sternLicht"). Dass auch eine einzelne Pianistin ein Duo spielen kann, zeigte Okabe bei "wortlos" von Kathrin Denner, einem Werk für Flügel und vierteltönig gestimmtes E-Piano. Nicht nur die "Verstimmung" des E-Pianos gegenüber dem Flügel, sondern auch das Miteinander der unterschiedlichen Klangqualitäten von akustischem Flügel und elektronischem Klavier (die zwar das Gleiche wollen, aber trotz klingender Annäherung verschieden bleiben) war faszinierend.

Ein spannendes Konzert, das einen femininen interpretierenden Blick auf die Werke von Komponistinnen eröffnete, damit aber durchaus beide Geschlechter im Publikum in seinen Bann zu ziehen vermochte.