Hilfe vom "digitalen Fahrlehrer"

xdkt

Von xdkt

Sa, 02. November 2019

Achern

Der Acherner Fahrlehrer Hans-Peter Wiegert stellt auf der Erfindermesse in Nürnberg eine Fahrschul-App vor / Jahre langes Tüfteln.

ACHERN (xdkt). Am Anfang stand die Frage: Wie können Fahrschüler zeitgemäß den Stoff der Fahrstunden vor- und nachbereiten? Seit 2014 bastelt der Acherner Fahrlehrer Hans-Peter Wiegert an einer Software. Inzwischen hat sich der Geistesblitz ganz konkret in einem "digitalen Fahrlehrer" niedergeschlagen: Wiegert präsentiert seine App noch bis Sonntag auf der Erfindermesse in Nürnberg (iENA).

Der "digitale Fahrlehrer" vermittelt mittels verständlicher Lehr-Texte in Deutsch, Englisch und Arabisch sowie passender Filmsequenzen nicht nur, wie man richtig fährt. Über die App können Fahrlehrer und -schüler kommunizieren, kann Letzterer anhand eines Bewertungssystems mit Sternen auch immer sehen, auf welchem Lernstand er sich befindet. "Es ist die Fahrschule 4.0" erklärt Wiegert, der seit 30 Jahren eine Fahrschule leitet. Das geeignete Medium war schnell gefunden: "Heute besitzt eigentlich jeder ein Handy. Es stellte sich nur noch die Frage: Wie bekomme ich meinen digitalen Fahrlehrer dorthin?" Und da half dem 57-Jährigen der Zufall: Auf einem Seminar habe er einen Programmierer namens George Szep kennen gelernt. "Der hat mir alle Wünsche umgesetzt." Allerdings musste der Acherner ein Buch schreiben, das den gesamten Fahrpraxis-Stoff gemäß der gültigen Richtlinien bis ins Detail wiedergibt. Das Werk wurde ziemlich dick, der Ludwigsburger Softwarespezialist hatte eine Menge zu programmieren.

Irgendwann kam noch Silvie Marie Wipfler ins Spiel. Die Sasbacherin hat bei Wiegert den Führerschein gemacht, studiert Produktdesign an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe. Sie ist Innovationsberaterin der Fahrschule und hat einen maßgeblichen Anteil am Design der App, sie zeichnet für die Lehrfilme verantwortlich und kommuniziert das Produkt nach Außen. Sie sieht im "digitalen Fahrlehrer" ebenfalls viele Vorzüge. Einer davon: die Transparenz.

Anhand der Gesamtprozentzahl könne jeder Fahrschüler genau sehen, wie weit er in der Praxis gekommen sei, ebenso der Fahrlehrer. Das heißt, auch eine Krankheits- oder Urlaubsvertretung kann nahtlos mit dem Fahrtraining weitermachen. Die Frage: "Warum darf ich noch keine Prüfung machen?", erübrigt sich damit.

Charme hat für Wipfler die Tatsache, dass sich jeder zu Hause am Handy, Tablet oder PC auf die nächste Fahrstunde vorbereiten kann. Ob nun auf die Autobahnfahrt oder die erste Tour bei Nacht, ob aufs Einparken oder andere Sonderaufgaben. Fahrlehrer Wiegert hat dabei einen Wandel festgestellt. Früher kamen die Schülerinnen und Schüler oft mit Praxiserfahrung. "Auf dem Land hatten viele noch einen Traktor, auf dem die Jugend die ersten Fahrstunden absolvierte."

Heute gebe es immer mehr Schüler, die vorher noch nie hinter dem Steuer saßen. "Denen hilft das enorm, wenn sie vor der Praxisstunde sehen, um was es da genau geht." Die Lehrfilme zeigen durchgehend Situationen aus der Region, ein Vorteil nicht nur für die Schüler und Prüflinge aus dem näheren Umkreis. Wiegert bietet einen "Führerschein in sieben Tagen" an, ein Teilnehmer reiste dafür gar aus Dubai an. Andere kommen aus den Niederlanden oder Norddeutschland. Für die sei ebenfalls praktisch, wenn sie sich auf die örtlichen Gegebenheiten einstellen können.

Sechs Ebenen hat das Lernprogramm, jedes "Level" hat 20 Unterpunkte, in denen der komplette Stoff nachvollziehbar wird. Derzeit 70 Videos veranschaulichen die Praxis, für den Rollerführerschein ebenso wie für die Fahrerlaubnis für einen 40-Tonner. Das Ende der Fahnenstange sei noch nicht erreicht, so Wiegert, die Zahl der Videos wachse stetig. Und ganz der rührige Erfinder, hat er schon den nächsten Geistesblitz: Wiegert überlegt bereits in Richtung virtuelle Realität und 360-Grad-Bilder. Und er denkt noch weiter. Autofahren aus Sicht der anderen: Wie sieht zum Beispiel ein Kind, das die Straße überquert, das nahende Fahrzeug? Wie sieht der Autofahrer selbst die Situation? Lerneffekte, die in Zukunft sogar helfen könnten, Unfälle zu vermeiden. "Diese App will leben, wir sind noch lange nicht fertig", betont ihr Schöpfer.

Doch jetzt ist er erst mal auf der Messe zugange. Rund 800 Erfindungen aus etwa 30 Ländern rund um den Erdball sind jedes Jahr zu sehen, viele davon das erste Mal. Unter den klugen Köpfen ist jetzt also auch Hans-Peter Wiegert. "Ich muss mein Projekt in einer 20-minütigen Rede präsentieren", gibt er sich für einen kurzen Moment etwas nachdenklich.

Nichtsdestotrotz sei diese Veranstaltung in Nürnberg schon "etwas Tolles."