Erst die Macht und dann...

Dorothea Scherle

Von Dorothea Scherle

Di, 12. März 2019

Waldkirch

Franziska Schreiber war Mitglied der AfD, stieg wegen deren Radikalisierung aus und schrieb ein Buch / Veranstaltung in Waldkirch.

WALDKIRCH. Die AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber aus Dresden war auf Einladung des Vereins Black Dog Jugend und Medienbildung zu einer Lesung aus ihrem Buch "Inside AfD: Der Bericht einer Aussteigerin" in Waldkirch zu Gast. Aus der Lesung wurde freilich nichts: Die eloquente junge Frau sprach im Gemeindezentrum St. Margarethen eine gute halbe Stunde frei zum Thema AfD und stellte sich dann den Fragen der gut 50 Zuhörerinnen und Zuhörer.

"Die AfD im Parlament ist eine demokratisch gewählte Partei, aber dieses Argument sagt gar nichts, denn das war die NSDAP auch", sagt Schreiber. An Anträgen der AfD und an Äußerungen der Funktionäre könne man erkennen, dass diese Partei "keine demokratische Gesinnung" habe. Es sei zwar sehr beruhigend, dass der Verfassungsschutz Teile der AfD wie den "Flügel", also das Sammelbecken radikaler Kräfte in der AfD um Björn Höcke, beobachte, aber: "Es braucht keine Mehrheit in der Demokratie, um die Demokratie zu gefährden oder abschaffen. Das haben wir zur Genüge erlebt." Laut Gauland sei der "Flügel" nicht die stärkste Kraft in der AfD, sondern habe nur 40 Prozent, aber, so Franziska Schreiber, der "Flügel" bilde das größte zusammenhängende Lager in der AfD, mit der mit Abstand besten Marketingstrategie, mit dem meisten Geld, mit dem größten Netzwerk, mit den am besten aufgestellten Funktionären: "Der Flügel formiert und beherrscht die AfD."

In Meinungsblasen gefangen

Björn Höcke sei de facto der mächtigste Mann innerhalb der AfD. Da er je nach Kreisverband 30 bis 80 Prozent der Anhänger hinter sich habe, sei er "in der komfortablen Lage, nicht Vorsitzender der AfD sein zu müssen, um de facto die wichtigsten Entscheidungen der AfD zu treffen". Höcke schreibe in seinem Buch, dass er die Position des AfD-Vorsitzenden erst anstrebe, wenn es darum gehe, einen Machtumschwung zu versuchen. In diesem Buch könne man auch nachlesen, wohin der "Flügel" steuere: Für den Fall, dass es in Deutschland nicht bald zu einem Machtumschwung zugunsten patriotischer Kräfte komme, wolle Höcke Wehrdörfer bauen, "um gewisse Landstriche zurückzuerobern". Wehrdörfer bedeute, "die übernehmen kleine Ortschaften, wie das in Mecklenburg-Vorpommern schon in einigen Kommunen der Fall ist. Sogenannte Nipster, also Öko-Nazis, bauen sich dort autarke Höfe und übernehmen Stück für Stück ganze Kommunen." Höcke schreibe, es sei nicht zu vermeiden, dass nach einem Machtumschwung der neue Inhaber der Macht Dinge tun müsse, die seinem moralischen Empfinden eigentlich zuwiderliefen. Was das bedeute, könne man an vielen Stellen im Internet nachlesen, "wo die AfD sich verplappert hat und zum Beispiel davon spricht, dass Journalisten am Tag X auf die Straße gezerrt oder Schulen von nicht patriotischen Lehrern gesäubert werden".

Von diesem "Tag X" werde ganz offen in der AfD gesprochen, sagt Franziska Schreiber. Auch wenn Höcke in seinem Buch von "Renovation" und nicht von "Revolution" spreche, um dem Verfassungsschutz keine Angriffsfläche zu bieten, gehe es darum, den Menschen so viel Angst vor einem Bürgerkrieg zu machen, dass sie die AfD wählen, um diesen Bürgerkrieg zu verhindern. AfD-Funktionäre propagierten immer wieder, dass es in Deutschland zwischen Flüchtlingen und der eingesessenen Bevölkerung zu Zuständen wie in Aleppo kommen werde. "Das ist eine kollektive Psychose in der AfD. Die haben sich in Filterblasen begeben. Die hören nichts anderes mehr. Die haben sich von ihrer Familie, wenn die anders denken, abgekapselt, und ich habe selber erlebt, was für eine Macht eine solche Filterblase entwickeln kann. Das können Sie sich nicht vorstellen. Sie können innerhalb von zwei Jahren eine komplette Gehirnwäsche an jemandem durchführen, und Sie müssen den nicht einsperren oder foltern, sondern sie müssen ihn nur in eine Isolation bringen in einer sozialen Gruppe, von der er keinen Widerspruch mehr erhält."

Widerspruch könnten sich AfD-Funktionäre nicht leisten, denn dann gälten sie als "Halbe", als "der Sache Untreue", als "Feiglinge", als jemand, "der den Ernst der Lage nicht verstanden hat". Um Höcke habe sich "ein Führerkult" entwickelt, weil er stellvertretend ausspreche, was alle anderen sich nicht zu sagen trauten. Das sei scheinbar widersprüchlich, weil Höcke nach Skandalaussagen Prozente verliere, aber Prozente seien ihm nicht so wichtig. "Entscheidend für ihn ist, dass seine Machtbasis innerhalb der AfD so ist, dass er das Sagen hat."

Nach Skandalaussagen gebe es eine Welle von Austritten, aber auch eine Welle von Eintritten, weil Radikale, für die die AfD vorher nicht interessant gewesen sei, dann einträten. So verschiebe sich die Machtbasis Stück für Stück. In den Köpfen der Wähler stecke aber noch das überholte Bild der "seriösen Professorenpartei". Hinter dieser Fassade sei die AfD "ein Haufen, der an Radikalität nicht zu überbieten ist", führt Schreiber aus.

In die AfD gerate man in den allermeisten Fällen über das Internet. Von Anfang an solle jedes AfD-Mitglied einen Facebook-Account haben und sich mit den anderen vernetzen. Auf den verschiedenen Ebenen, Ortsverband, Kreisverband usw., seien Gruppen gebildet worden. Sehe ein AfD-Mitglied einen Artikel zu einem bestimmten Thema, zum Beispiel Europa, "dann wissen innerhalb einer halben Stunde 15 000 Menschen, dass es da einen Artikel gibt. Die gehen dann auf diese Seite und kommentieren diesen Artikel." Deshalb stammten die meisten Kommentare zu bestimmten Artikeln aus irgendeinem Medium, wie Welt, Focus, Spiegel, von AfD-Mitgliedern. Franziska Schreiber rät davon ab, AfD-Mitglieder zu blocken. Im Gegenteil sei es wichtig, sachlich dagegenzuhalten. Man erreiche damit zwar nicht die AfD-Mitglieder, aber die stummen Mitleser. Ein sachlicher Kommentar wirke immer sympathischer als Pöbelei. "Man muss sich frei davon machen, denjenigen aus der AfD zu überzeugen, aber man kann ihn als Plattform benutzen, um an andere Personen heranzukommen."

Schreiber rät auch dazu, aus strategischen Gründen AfD-Mitglieder zu Diskussionen einzuladen, wenn die Vertreter aller anderen Parteien eingeladen würden, damit sich die AfD nicht zum Opfer stilisieren könne.

Im Gespräch mit dem Publikum erzählte Franziska Schreiber, sie stamme aus einem linken Elternhaus. "Das rechteste war die SPD." Durch ihren Freundeskreis sei sie als junge Erwachsene CDU- und FDP-affin gewesen. Als damals nach Westerwelles großem Wahlkampf politisch nichts herausgekommen sei "als die Mövenpick-Steuer", sei sie sehr enttäuscht gewesen und habe "auf einen neuen Player" gehofft. Der sei in Form der AfD gekommen. Als diese sich insbesondere nach der Erfurter Resolution 2015 immer mehr radikalisiert habe, sei sie ausgestiegen. Sie habe danach Morddrohungen erhalten, eine erste Welle direkt nach ihrem Austritt, eine zweite Welle nach der Veröffentlichung ihres Buchs. "Man hat mir auch gewünscht, von Flüchtlingen vergewaltigt zu werden oder Krebs zu bekommen."

Dass es im Osten viel mehr Zustimmung zur AfD als im Westen gebe, liegt ihrer Meinung nach an der Art und Weise, wie die Wende abgelaufen sei. Man sehe es schon daran, wie lange Zeit über Ostdeutsche gesprochen worden sei. Das letzte "politisch korrekte Feindbild" im politischen Kabarett sei "der Ossi, der Sachse und der Dresdner. So dürften Sie nicht über Frauen oder über Behinderte reden".

Jeder Austrittswelle folgt eine Eintrittswelle noch Radikalerer

Wenn dann "jemand da ist als Anbieter für Wutablass, wie Höcke das macht, dann bekommt der sehr viel Zustimmung, aus Trotz, weil man sich über diese Behandlung so ärgert." Schreiber rät deshalb zu einem respektvolleren Umgang und zur Einführung eines Konjunkturprogramms in Sachen Erwachsenenbildung.

Das eigentliche Ziel der AfD sei die "Reinigung des deutschen Volks", sagt die Aussteigerin. Dabei sollten nicht nur Flüchtlinge ausgewiesen werden. In Deutschland würden dann nur noch Menschen leben, deren Großeltern schon in Deutschland geboren wurden. "Der AfD geht es nicht um politische Auseinandersetzung, sondern um Totalitarismus."