Als hätten Kroos und Gnabry gefehlt

Uwe Rogowski und Matthias Konzok

Von Uwe Rogowski & Matthias Konzok

Mi, 27. Januar 2021

Handball Allgemein

Ersatzgeschwächt und doch mit hohen Erwartungen angetreten, konnte Deutschland bei der Handball-WM nicht überzeugen. Was sagen Experten über die Gründe?.

. Es war eine ernüchternde Weltmeisterschaft für den deutschen Handball. Platz zwölf, das schlechteste Abschneiden überhaupt. Vor zehn Jahren, bei der WM in Schweden, schnitt ein deutsches Team ähnlich ab (11.), vor zwei Jahren standen die Deutschen im Halbfinale. Auch die Olympiaqualifikation verpasste die Equipe von Trainer Alfred Gislason beim umstrittenen Mega-Turnier in Ägypten. Versagen oder zu erwarten gewesen? Wie urteilen Spieler und Trainer aus der Region?

Dennis Krause ist nicht mehr ganz so nah dran an der Bundesliga, er steht kurz vor der Prüfung zum Ernährungsberater, erst demnächst geht es für ihn mit dem RTV Basel in der NLA wieder los. Doch er kann sich gut in die Lage der Nationalspieler hineinversetzen, über Druck und das Niveau einer WM urteilen.

Krause hat unter Trainer Alfred Gislason beim SC Magdeburg gespielt, Andreas Wolff und Silvio Heinevetter sind frühere Mitspieler. "Ich habe schon mehr erwartet von der Mannschaft", sagt der Lörracher, "aber man muss bedenken, dass sie im Grunde neu zusammengestellt war." Der "sehr starke und erfahrene" Innenblock fehlte, dazu "die ganzen Halbrechten und Kreisläufer". Zusätzlich zu Verletzungsabsenzen hatten unter anderem die Kieler Weltklassespieler Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler wegen Sorge vor Corona abgesagt. Und das seien "die Champions-League-Sieger", so Krause. Die Nachrücker hätten es "nicht schlecht gemacht, doch wenn du dann gegen abgezockte Spanier spielst, kann es eben sein, dass du in der entscheidenden Phase einen Vorsprung abgibst".

Der interne Druck sei wohl sehr hoch gewesen, glaubt Krause, wie Uwe Gensheimers Reaktion ("Missgunst und Neid") vermuten ließe. Dazu hätte Corona für das deutsche Team wohl größere Auswirkungen gehabt als für andere Nationen. "Wenn ich sehe, wie oft Silvio Heinevetter in die Quarantäne musste, glaube ich nicht, dass das bei anderen auch so war", sagt Krause, der beim ESV Weil mit dem Handball begann. Dass die WM abgesagt worden wäre, "hätte man mal verkraften können". Krause hat "großes Verständnis für Leute wie Patrick Wiencek, die sagen, das Risiko ist mir zu groß, wir haben Familie zuhause".

Dass die WM stattfindet, findet Volker Schwark "nicht gut. Es waren zu viele Nationen am gleichen Ort. Auch wenn nachjustiert wurde", sagt der Landesliga-Trainer des TV Todtnau und Bezirks-Jugendwart. Das Abschneiden macht er an der Absage des Mittelblocks fest, Pekeler und Wiencek seien beim THW Kiel ein eingespieltes Duo. "Es mussten neue Leute von verschiedenen Vereinen in die Bresche springen. Zwei Spiele in der EM-Qualifikation konnten das nicht auffangen."

Beim DHB-Team habe allgemein "wenig funktioniert. Das Angriffsspiel war zu statisch, man hat nur auf Eins-gegen-Eins-Aktionen vertraut. Das reicht heutzutage nicht mehr". Zudem fehle ein Koloss am Kreis wie bei Frankreich oder Ungarn. Bis auf Philipp Weber ("Hat auf Rückraum Mitte ein gutes Turnier gespielt") und Jogi Bitter im Tor seien alle hinter den Erwartungen geblieben.

"Wäre eine Chance gewesen,

in die Zukunft zu investieren."

Gislason setze auf einen kleinen Kern, weshalb Schwark zu wenig Wechsel bemängelt. Der Bundestrainer habe insbesondere jungen Spielern wie Marian Michalczik und Juri Knorr zu wenig Vertrauen geschenkt. "Sie erhielten kaum Minuten, wurden nach zwei Fehlern sofort ausgewechselt." Das WM-Niveau sei wohl nicht überragend, aber "wir Handballer brauchen auch ein gewisses Publikum, um uns zu Höchstleistungen zu pushen".

Auch für Patrick Gempp, der sich mit der HSG Wetzlar auf die Rückkehr in die Bundesliga-Saison vorbereitet, haben Ausfälle und Absagen zur mageren Bilanz geführt. "Das Turnier hat gezeigt, dass es schwer ist, mit einer Abwehrformation zu spielen, die nicht eingespielt ist und nur wenige gemeinsame Trainingseinheiten hatte", sagt der Kreisläufer, der aus der Jugend des ESV Weil stammt. Teilweise hätten die Absprachen nicht gepasst, "die Lücken zwischen den einzelnen Spielern waren zu groß, sodass es für die Gegner meist zu einfach war, Lösungen – oft über den Kreisläufer – zu finden".

Der deutschen Offensive attestiert er eine sehr gute Leistung, weil sie es "in jedem Spiel geschafft hat, sehr gute Chancen herauszuspielen. Leider war die Effizienz nicht optimal". Es habe nicht viel gefehlt, um Ungarn und Spanien in den entscheidenden Spielen zu schlagen und nun im Viertelfinale zu stehen.

Im Niveau der WM sieht Gempp teils immense Unterschiede, dennoch "gab es auch in der Gruppenphase viele spannende Spiele". Die Austragung des Turniers hält er für vertretbar, "sobald man eine Blase erzeugen kann, in der sich nur die gleichen Personen befinden und regelmäßig getestet wird". Das sei in Ägypten nach anfänglichen Problemen gelungen, "in anderen Sportarten wie Biathlon schaffen sie das auch Woche für Woche".

Zu wenig Einsatzzeit für die Jugend – das ist auch der kritische Ansatz für Igor Bojic nach dem deutschen Ausscheiden. Für den Coach der HSG Dreiland, der die Austragung auch in ihrer Größe unter dem Strich befürwortet, kam das bescheidene Abschneiden der Gislason-Truppe nicht wirklich unerwartet. Als hätten Toni Kroos und Serge Gnabry gefehlt. Ohne Akteure wie Wiencek und Pekeler, Deutschlands Handballer des Jahres, "ist es eine ganz andere Mannschaft", sagt Bojic. Jeder wolle Ergebnisse sehen und Titel holen, aber im Grunde hätte der deutsche Handball angesichts der realistischen Möglichkeiten anders an die WM herangehen sollen. "Vielleicht war es zu wenig Zeit, sich vorzubereiten. Aber ich glaube, es wäre eine super Chance gewesen, in die Zukunft zu investieren."

Deutschland habe eine große Anzahl guter junger Spieler, "man hätte sie einfach reinwerfen sollen", sagt Bojic. "Wo wäre das Risiko gewesen? Es hätte schlecht ausgehen können. Doch das ist es jetzt auch." Mit dem Nachteil, dass die Talente nur minimal Erfahrung auf hohem Niveau sammeln konnten.

Das gelte auch für sein ebenfalls ausgeschiedenes Heimatland, die große Handballnation Kroatien. Bojic, früherer Erstligaspieler, hat deshalb einen Trost: "Deutschland war bei dieser WM nicht gut, aber Kroatien noch schlechter."