St. Märgen / Neustadt

Am Thurner soll ein Lerndorf für 36 Millionen Euro entstehen

Thomas Biniossek

Von Thomas Biniossek

Di, 18. Februar 2020 um 11:50 Uhr

St. Märgen

Waldkindergarten, Seniorenwohnheim, Backmanufaktur, Käserei: Das sind nur vier mögliche Bestandteile eines Projektes, das auf zehn Hektar an der B 500 im Hochschwarzwald entstehen soll. Was steckt dahinter?

Gerade hat die Timeout-Jugendhilfe die Vollsanierung der "Herberge" im Thurner Wirtshaus abgeschlossen, da hat die gemeinnützige Gesellschaft mit Sitz in Breitnau bereits das nächste Großprojekt im Visier. "Das integrative Timeout Lerndorf am Thurner" ist dieses Vorhaben überschrieben, das Annette Reisinger und Timeout-Geschäftsführer Daniel Götte jetzt in großer Runde präsentiert haben.

"Das Dorf, das hier am Thurner entstehen könnte, ist von Timeout alleine weder planungsrechtlich noch finanziell zu stemmen und bedarf der Unterstützung der Umlandgemeinden, der Politik, der Genehmigungsbehörden Landkreis und Regierungspräsidium sowie ganz vieler Menschen und Firmen, die sich hier engagieren wollen oder das Projekt finanziell unterstützen möchten", machte Projektleiterin Annette Reisinger deutlich, dass die Projektierung das eine, die Umsetzung das andere und nur in großer Gemeinschaft möglich sei.

Bürgermeister, Landes- und Kreispolitiker informieren sich

Aufmerksam verfolgten die Ausführungen die Bürgermeister Josef Haberstroh (Breitnau), Meike Folkerts (Titisee-Neustadt), Klaus-Michael Tatsch (Hinterzarten), Manfred Kreutz (St. Märgen) und Rudolf Schuler (St. Peter) sowie die Landesvorsitzende der Grünen Sandra Detzer, der Abgeordnete Reinhold Pix und Mitglieder des Kreistages. Sie alle zeigten sich beeindruckt vom "Lerndorf", das auf rund zehn Hektar hinter dem Thurner Wirtshaus verwirklicht werden soll.

Vorhaben liegt in einem Landschaftsschutzgebiet

"Ich habe das Gefühl, dass das Regierungspräsidium dem Ganzen nicht abgeneigt ist. Aber es gibt viele Hürden zu meistern", sagte Wilfried Rahe. Der Geschäftsführer der ImmoConsult Freiburg, der seit mehr als 20 Jahren Bauherren von Sozialimmobilien in privater Trägerschaft betreut, ist überzeugt davon, dass Timeout diese Hürden nehmen kann, auch wenn das Lerndorf in einem Landschaftsschutzgebiet mit Biotopen gebaut werden soll. "Wir sind dennoch überzeugt, dass dies der richtige Ort für dieses tolle Projekt ist."

Waldkindergarten bis Käserei

Die Liste dessen, was am Thurner entstehen könnte, ist lang. Angedacht sind ein Waldkindergarten mit drei Gruppen, eine "Robinson"-Schule, ein Jugendwohnheim für zwölf Personen, 21 Mitarbeiterwohnungen, ein Seniorenwohnheim mit 70 Einheiten, wovon zehn Palliativplätze sein sollen, ein Naturerfahrungsfeld Wald und Garten sowie ein Beratungszentrum, erläuterte Annette Reisinger. Hinzu kommen eine Naturkäserei, eine Backmanufaktur, ein landwirtschaftlicher Betrieb und drei Werkstätten mit integriertem Digitallabor, offen für Praktikanten, Schüler "und alle Interessierten", so die Projektleiterin weiter. Eine Akademie für Bildung, Ausbildung und Fortbildung sowie das Wirtshaus mit seiner großen Lernküche und die Herberge runden das Ganze ab.

"Wir wollen an diesem Ort die Kraft eines Dorfes von früher wiederbeleben." Annette Reisinger
Die Gesamtinvestitionssumme beträgt nach ersten Berechnungen von ImmoConsult 36 Millionen Euro, bebaut werden insgesamt 14.200 Quadratmeter.

"Wir wollen an diesem Ort die Kraft eines Dorfes von früher wiederbeleben", sagte Annette Reisinger. Menschen über die Generationen hinweg sollen zusammengebracht werden, vom Kindergarten, über die Schule hin zum Handwerk und der Landwirtschaft bis zum Seniorenwohnen.

"Das ist ein Modell der Gesamtgesellschaft, bei dem ein Austausch über die Lebenswirklichkeit von Jungen, Handwerkern, Lehrern, Wissenschaftlern und Älteren möglich sein werden", so die Projektleiterin. "Es gibt vereinsamte Jugendliche und immer mehr vereinsamte Ältere. Unsere Frage war, wie kann man das zusammenfügen", ergänzte Geschäftsführer Daniel Götte. Das Lerndorf sei eine Chance, am Thurner etwas gemeinsam zu schaffen.

Überregionale Strahlkraft

"Dieses Projekt wird überregional ausstrahlen", sagte St. Märgens Bürgermeister Manfred Kreutz. Als ländliche Gemeinde müsse St. Märgen, das überwiegend vom Tourismus lebe, neue Wege beschreiten. "Bereits seit zwei Jahren stehen wir mit Timeout im Gespräch. Hinter dem Lerndorf stehen der gesamte Gemeinderat und die Verwaltung", betonte er. Er sei sich sicher, dass von diesem Projekt alle Kommunen im Hochschwarzwald profitieren werden. "Das, was Sie hier machen, ist keine Selbstverständlichkeit. Mit diesem Projekt stärken Sie den Ort, den Raum und den ländlichen Raum insgesamt", sagte Sandra Detzer. Reinhold Pix machte deutlich, dass die Regierungspräsidentin dem Lerndorf aufgeschlossen gegenüberstehe.

Finanzieller Kraftakt

"Das ist ein Leuchtturmprojekt", sagte er und betonte, dass er sich dafür einsetzen wolle, dass der gesetzliche Rahmen für die Bebauung weit ausgelegt wird. Dass die Umsetzung ein finanzieller Kraftakt ist, sei klar. "Ich will keine Zusagen zu Förderungen durch das Land machen. Aber es gibt sicherlich Wege der finanziellen Unterstützung."

"Ich hatte bei der Vorstellung des Projekts Gänsehaut, die Idee ist beeindruckend", sagte Meike Folkerts. Und für Rudolf Schuler ist sicher, dass der Gemeindeverband St. Peter, St. Märgen und Glottertal dem Vorhaben keine Steine in den Weg legen werde.

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