Depressionen

Angst ist ein Signal des Körpers

Irina Radasewsky

Von Irina Radasewsky (Freiburg)

Mo, 02. November 2020

Leserbriefe

Zu: "Mehr Depressionen", Interview von Bernhard Walker mit Katharina Domschke (Gesund leben, 17. Oktober)

Es ist ein natürlicher Vorgang, dass Menschen in Krisenzeiten auf sich selbst zurückfallen und ihre Angst spüren. Sie ist ein Signal des Körpers, um in einer Situation erhöhte Aufmerksamkeit zu erlangen. Heute spüren viele intuitiv, dass wir alte Wege verlassen und neue, noch unbekannte Wege einschlagen müssen.

Für mich sind Ängste keine Krankheit, und ich würde sie auch nicht als "Störung" diagnostiziert wissen wollen. Man könnte sonst glauben, dass es sich um etwas "Falsches" handle, das einfach mit Medikamenten behoben werden könne. Irrtum! Meine Erfahrung: Ich sollte erst einmal die Angst spüren und aushalten lernen. Gehe ich mit der Angst in einem verhältnismäßigen Rahmen um und nehme sie wahr und beachte sie, kann etwas sehr Wertvolles für mich und für unsere Gesellschaft entstehen. Auch die innere Leere – wie sie bei Depressionen möglich ist – wird bis heute tabuisiert und findet daher nicht ihren Platz im Dasein der Menschen. Die pathologische Sicht erschafft eine Einseitigkeit und schmerzliche Reduzierung der eigentlichen Wirklichkeit. Irina Radasewsky, Freiburg