Pandemie

Antikörper-Studie: Die Suche nach den unbemerkten Corona-Infizierten beginnt

dpa, BZ

Von dpa & BZ-Redaktion

Sa, 27. Juni 2020 um 14:47 Uhr

Deutschland

Erstmals wird in Deutschland in einer Studie erforscht, wie viele Menschen sich mit Corona infizierten, aber keine Symptome entwickelten. Im Hotspot Ischgl in Österreich erwies sich die Zahl als sehr hoch.

Wie verbreitet ist das Coronavirus? Und wer hat bereits eine Infektion gehabt? Zwei Fragen, die wegen der vielen milden und symptomfreien Verläufe nicht leicht zu beantworten sind. Um die Verbreitung des Virus besser abschätzen zu können, startet das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) nun eine weitere deutschlandweite Antikörper-Studie. Erster Untersuchungsort wird der Kreis Reutlingen sein. Parallel läuft eine Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI), die in Kupferzell im Hohenlohekreis begonnen hat. Aufschluss gibt auch eine neue Antikörperstudie aus dem ehemaligen Corona-Hotspot Ischgl: Demnach haben dort 42,4 Prozent der Bürger Antikörper.

Deutschlandweite Antikörperstudie

Am Mittwoch fällt der Startschuss für die Studie, dann nimmt das HZI ein Testzentrum auf einem ehemaligen Paketpostgelände in der Stadt in Betrieb. "Wir wollen besser verstehen, mit welcher Geschwindigkeit sich das Coronavirus verbreitet, welche Bevölkerungsgruppen betroffen sind und wie viele wahrscheinlich immun sind", sagte Studienleiter Gérard Krause. Seinen Angaben nach handelt es sich um die bisher größte Antikörperstudie in Deutschland.

Wissenschaftliche Daten deuten darauf hin, dass viele Covid-19-Fälle so milde verlaufen, dass sie nicht erkannt werden. Die Infizierten entwickeln aber Antikörper und gelten nach bisheriger Kenntnis als immun gegen das Virus. Das Wissen um die sogenannte Durchseuchung der Gesellschaft könnte daher eine wichtige Entscheidungsgrundlage im künftigen Umgang mit der Pandemie sein.

Im Kreis Reutlingen sollen innerhalb von zunächst vier Wochen 2500 Menschen auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 getestet werden. Sie werden über das Einwohnermeldeamt nach dem Zufallsprinzip angeschrieben und eingeladen. Eine zweite Erhebung ist für den Herbst oder Winter vorgesehen. Genauso will das HZI in zirka acht weiteren deutschen Kommunen vorgehen. Die unterschiedlichen Testorte und Testzeitpunkte sollen eine verlässliche Übertragung der Ergebnisse auf die gesamte Bundesbevölkerung ermöglichen. Herausfinden wollen die Forscher unter anderem, wie weit die Anzahl jener Menschen mit Antikörpern von der Zahl der gemeldeten Infektionsfälle abweicht. Neben Alter und Geschlecht sollen beispielsweise auch Berufsgruppen und Vorerkrankungen der Probanden abgefragt werden. "Wir hoffen, in Zukunft Daten von zigtausenden Probanden zu haben", so Krause.

42,2 Prozent Infizierte in Ischgl

Ein Schlaglicht auf die unbemerkte Verbreitung des Coronavirus wirft eine bereits durchgeführte Studie im Tiroler Skiort Ischgl, der mit seinen Après-Skibars als Brennpunkt für die Ausbreitung des Coronavirus in Österreich und Teilen Europas gilt. Nach Angaben der Universität Innsbruck haben dort 42,4 Prozent der in einer umfassenden Studie getesteten Bürger Antikörper auf das Coronavirus gebildet. Das sei der weltweit höchste bisher publizierte Wert, sagte die Direktorin des Instituts für Virologie, Dorothee von Laer, am Donnerstag in Innsbruck.

Rund 80 Prozent der Ischgler Bevölkerung nahmen an der Studie teil. 1473 Probanden waren Ende April untersucht worden. Auffällig sei, dass von den positiv auf Antikörper getesteten Personen zuvor nur 15 Prozent die Diagnose erhalten hatten, infiziert zu sein, sagte von Laer. "85 Prozent derjenigen, die die Infektion durchgemacht haben, haben das unbemerkt durchgemacht."

Zum Vergleich: In einem der ersten Corona-Hotspots in Deutschland, dem Ort Gangelt im Kreis Heinsberg, waren laut einer Anfang April durchgeführten Studie gut 15 Prozent der Einwohner infiziert oder hatten eine Infektion bereits hinter sich. In einer Studie der baden-württembergischen Universitätskliniken an rund 2500 Kindern und jeweils einem Elternteil, die alle keine Covid-19-Symptome aufwiesen, waren lediglich bei zwei Prozent Antikörper nachgewiesen worden.

Das RKI fragt nach sozialem Verhalten

Auch das RKI arbeitet derzeit an einer Antikörperstudie. Begonnen hat sie am 19. Mai in Kupferzell. Am Dienstag begann die zweite Testphase in der oberbayerischen Gemeinde Bad Feilnbach im Landkreis Rosenheim. Das RKI will bundesweit in vier stark betroffenen Gemeinden rund 8000 Menschen auf das Virus testen, pro Ort rund 2000. Die Ergebnisse für Kupferzell sollen Anfang Juli vorliegen. Die Studienteams fragen auch nach dem sozialen Verhalten der Menschen und nach ihrer Mobilität, um herauszufinden, wie sich das Virus verbreitet hat. Erhoben werden zudem eine Reihe weiterer Punkte, etwa, ob die Menschen in der Zeit der Kontaktbeschränkung vermehrt zu Alkohol gegriffen haben. Bad Feilnbach hatte zu Anfang der Pandemie sehr viele Corona-Fälle. Zuletzt gab es aber keine Neuinfektionen mehr. Der dritte Ort für die Studie solle im Landkreis Straubing-Bogen liegen.