Aufstehhilfen sind keine Schande

Tobias Schorrmann

Von Tobias Schorrmann (dpa)

Mo, 20. Mai 2019

Gesundheit & Ernährung

Wenn Arme und Beine nicht mehr wollen.

Das Aufstehen macht Älteren schnell Probleme. In den Armen fehlt die Kraft zum Hochziehen, die Beine sind ein wenig wackelig, und die Hüfte ist auch nicht mehr so beweglich. Aber es gibt Hilfsmittel für den Haushalt, mit denen sie leichter wieder auf die Füße kommen: Die Palette reicht vom einfachen Haltegriff bis zum elektrisch gesteuerten Sessel.

Bei der Auswahl achten Senioren und Angehörige am besten auf Siegel wie das CE-Zeichen, rät Karin Dieckmann vom Verein Barrierefrei Leben. Auch die Deutsche Gesellschaft für Gerontotechnik prüft Hilfsmittel und vergibt ein eigenes Siegel. Außerdem sollten Senioren Aufstehhilfen beim Kauf etwa im Sanitätshaus einmal in die Hand nehmen und eventuell ausprobieren.

Bei Billigangeboten im Internet ist dagegen eine gesunde Skepsis angebracht. "Bloß kein Wackelzeug kaufen", warnt Dieckmann. Hält zum Beispiel ein Haltegriff an der Badewanne nicht, kann das zu schlimmen Stürzen führen. Wichtig sei auch, die angegebenen Belastungsgrenzen bezüglich des Körpergewichts zu beachten und Halterungen von einem qualifizierten Fachmann anbringen zu lassen. Die technischen Tücken sind dabei nicht das einzige Problem. Wenn ältere Verwandte nicht mehr so sicher auf den Beinen sind, müssen Angehörige mitunter auch erst ein wenig Überzeugungsarbeit leisten. "Da gibt es oft Hemmungen", erklärt Ursula Lenz von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen. "Wir sehen da großen Handlungsbedarf." Einige Ältere sperrten sich dagegen, wenn die Enkel mit Hilfen für Senioren anrücken. Schließlich gilt niemand gern als gebrechlich. "Dabei ist es keine Schande, solche Hilfen zu nutzen." Zur Not sollten Angehörige sich an den Hausarzt wenden, der in dieser Sache vermitteln könne.

Vorab klären Senioren am besten mit ihrer Kranken- oder Pflegekasse die Kostenübernahme. Für gesetzlich Krankenversicherte gibt das Hilfsmittelverzeichnis des GKV-Spitzenverbandes eine Orientierung. Es ist online abrufbar und listet Hilfsmittel auf, die von den Kassen in der Regel bezahlt oder bezuschusst werden, wenn der Arzt sie verordnet. Letztlich ist es aber eine Einzelfallentscheidung, und Ausnahmen von der Liste sind möglich, so Verbandssprecherin Claudia Widmaier.



Info

Für Ältere ist das Aufstehen oft ein Kraftakt. Aber es gibt spezielle Hilfsmittel, die es ihnen leichter machen, wieder vom Sessel, Bett oder WC hochzukommen.
» Keilkissen: Um besser vom Stuhl hochzukommen, sind Keilkissen als Sitzerhöhung ein Hilfsmittel. Sie lassen sich gut für unterwegs mitnehmen. Ein Berg von gewöhnlichen Kissen auf dem Sofa ist keine gute Idee, das wird schnell instabil, erklärt Sibylle Liebchen-Offt vom Verein Barrierefrei Leben. Oft ist es besser, das Sofa von unten zu erhöhen. Das geht zum Beispiel mit ein paar Backsteinen. Damit sie hübscher aussehen, werden sie in Geschenkpapier eingewickelt.

» Katapultsitze: Sie erleichtern das Aufstehen, indem sich die Sitzfläche hochschiebt, sobald Senioren einen Mechanismus betätigen. "Am besten übt man das ein paar Mal", rät Liebchen-Offt. Bei Modellen wie dem Uplift von Rehastage lassen sich sechs verschiedene Gewichtsklassen einstellen. Elektrische Varianten haben den Vorteil, dass man zwischendurch anhalten kann. Dafür sind sie teurer und man braucht eine Steckdose in der Nähe.

Haltegriffe: Daneben bieten sich Haltegriffe zum Hochziehen für den Sessel an. Eine Alternative ist eine Stange, die vom Boden zur Decke geht, erklärt Manuela Preinbergs von der Messe Rehacare, Düsseldorf.

» Elektrisch: Zudem gibt es elektrisch gesteuerte Gestelle wie den Lifty von Wendt, die unter den Sessel montiert werden und ihn bei Bedarf schräg anheben. Noch mehr Technik steckt in Aufstehsesseln, bei denen sich Lehne und Fußteil automatisch steuern lassen. Ein Beispiel ist das Modell Verona von der Firma Topro.

» Bettleitern: Mit speziellen Bettleitern, eine Art Strickleiter, können Senioren sich morgens Stück für Stück hochziehen, sagt Manuela Preinbergs von der Messe Rehacare Düsseldorf. Neben Modellen mit Holzstücken als Sprossen werden auch Varianten angeboten, die ganz aus festem Stoff sind, etwa die Readygrip von Handicare. Die Leiter wird am besten am Bettende festgemacht, nicht an der Decke, rät Sibylle Liebchen-Offt vom Verein Barrierefrei Leben.

Gitter und Griffe: Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Gittern und Griffen zum Hochziehen, die am Bett befestigt werden. Auch hier eignet sich eine Boden-Decken-Stange. Bettgalgen, von denen ein Griff herunterbaumelt, sind dagegen nicht für jeden geeignet. "Das kann sehr auf die Schulter gehen", sagt Liebchen-Offt. Die technisch aufwendigste Lösung sind spezielle Pflegebetten, bei denen der Lattenrost automatisch verstellbar ist, fügt Preinbergs hinzu.

» Badhaltegriffe: Haltegriffe für das Bad gibt es in vielen Varianten. Neben fest montierten finden sich Modelle mit Saugnäpfen wie die Serie Mobeli von der Firma Roth, die sich bei Bedarf an anderer Stelle platzieren lassen, erklärt Preinbergs. Generell ist bei Saugmodellen die Frage, ob die Wand für sie geeignet ist und sie stabil genug sind. Das sollte regelmäßig getestet werden, rät Sibylle Liebchen-Offt.

Armlehnen: Für die Toilette bietet sich ein Gestell mit Armlehnen zum Aufstützen an. Bei einigen Modellen lassen diese sich bei Bedarf herunter- und wieder hochklappen.

» Toilettensitz: Außerdem erleichtern erhöhte Toilettensitze aus Kunststoff das Aufstehen. Hierbei sei es aber schwierig, sie richtig sauber zu halten, erklärt Liebchen-Offt. "Das kann zu hygienischen Problemen führen."

» Badewannenlift: Für die Badewanne werden außerdem spezielle Lifts angeboten, ergänzt Preinbergs. Sie sehen aus wie eine Art Klappstuhl, der in der Wanne befestigt wird. Der Sitz lässt sich bei Bedarf herunter- und hochfahren, damit Ältere leichter ein- und aussteigen können. Das Hilfsmittelverzeichnis gibt es unter mehr.bz/hilfsmittel