Reportage

Aus Eritrea fliehen pro Monat 5000 Menschen nach Europa

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Do, 30. Juli 2015

Ausland

Aus Eritrea, wo es weder offenen Krieg noch richtig Frieden gibt, fliehen pro Monat 5000 Menschen Richtung Europa – unser Korrespondent hat das arme Land bereist.

Sonntagmorgen in Asmara. Die mit Palmen gesäumten Alleen der schönsten Stadt Afrikas füllen sich mit Leben. Junge Pärchen flanieren vorbei an stilvollen, etwas mitgenommenen Häuserfassaden. Auf den von italienischen Stadtplanern bedacht entworfenen Straßenzügen überholen Karossen aus den 60er Jahren Eselskarren, die Glocken mächtiger Kathedralen wetteifern mit dem von spitzen Minaretten tönenden Ruf der Muezzine. Im Café Zilli, das als Filmset für "Casablanca" dienen könnte, wird Macchiato gereicht; im Cinema Roma, das mit dem Art-Deco-Stil an edlere Zeiten erinnert, wischen Putzfrauen das 80-jährige Holzgestühl.

Und diese Idylle soll Afrikas Hölle sein?

In Eritrea herrsche ein "totalitäres Regime", dessen "Ausmaß und Umfang nahezu beispiellos" sei, heißt es in einem von der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen jüngst veröffentlichten Bericht. In dem Kleinstaat am Horn von Afrika käme es regelmäßig zu "außergerichtlichen Hinrichtungen, weit verbreiteten Folterungen, sexueller Sklaverei und Zwangsarbeit" – in manchen Presseberichten wird Eritrea sogar als "Afrikas Nord-Korea" bezeichnet.

Tatsache ist, dass der gut sechs Millionen Einwohner zählende Staat seine Bevölkerung gegenwärtig so schnell verliert wie ein schwindsüchtiger Motor sein Öl. Rund fünftausend Eritreer verdrücken sich nach UN-Angaben Monat für Monat aus ihrer Heimat. Neben den Syrern sind es vor allem Eritreer, die zu Zigtausenden in Richtung Europa strömen – und dabei zu Hunderten im Mittelmeer ertrinken. Von "Reportern ohne Grenzen" wird das Land als das für Journalisten gefährlichste Pflaster der Welt geführt: Regelmäßig sollen hier Berichterstatter eingesperrt werden oder sogar spurlos verschwinden.

Mehr als ein Jahrzehnt lang hatte ich vergeblich versucht, in den schauerlich schönen Staat zu gelangen: Ein Visum für Eritrea zu ergattern, gilt als härteste Nuss ...

BZ-Archivartikel

Einfach registrieren und Sie können pro Monat 10 Artikel kostenlos online lesen - inklusive BZ Plus und BZ-Archivartikel.

Gleich können Sie weiterlesen!

Exklusive Vorteile:

  • 10 Artikel pro Monat kostenlos
  • BZ Plus-Artikel lesen
  • Online-Zugriff auf BZ-Archivartikel
  • Qualitätsjournalismus aus Ihrer Heimat
  • An 18 Standorten in Südbaden – von 150 Redakteuren und 1500 freien Journalisten
  • Verwurzelt in der Region. Kritisch. Unabhängig.
  • Komfortable Anzeigenaufgabe und -verwaltung
  • Weitere Dienste wie z.B. Nutzung der Kommentarfunktion

* Pflichtfelder

Anmeldung

* Pflichtfelder

Meine BZ