Nach Olympischen Spielen

Rio de Janeiro steckt in tiefer Krise

Philipp Lichterbeck

Von Philipp Lichterbeck

Di, 22. November 2016

Ausland

Drogen, Bandenkriege, Korruption – kein halbes Jahr nach den Olympischen Spielen steckt Rio de Janeiro in einer tiefen Krise.

Paloma Gonçalves vermietet im Zentrum von Rio de Janeiro ein kleines Apartment. Es liegt im Stadtteil Santa Teresa, der bei Touristen beliebt ist. Aber seit einigen Tagen erhält Gonçalves nur noch Stornierungen für schon gebuchte Aufenthalte. "Der Krieg ist wieder da", sagt sie. "Die Leute fürchten sich. Es ist wie früher." Den Krieg kann sie von ihrer Terrasse aus sehen und hören. Die 37-jährige Kunstlehrerin blickt direkt auf die Favela Morro da Coroa, 250 Meter Luftlinie entfernt.

Vor einigen Wochen hat die größte Drogenmafia Rios, das Comando Vermelho (CV), die Favela in einer mehrstündigen Schlacht erobert. Sie vertrieb die Amigos dos Amigos (ADA), die zweitgrößte Gang der Stadt. "Ein Wochenende lang wurde geschossen, mit großkalibrigen Waffen", erinnert sich Gonçalves. "Ich verbrachte die ganze Zeit in meiner Wohnung, auf den Boden gekauert." So wie es auch die Bewohner der Favela aus Angst vor Querschlägern tun. "Seit Jahren habe ich so etwas nicht mehr erlebt."

In Rio de Janeiro tobt der Kampf um die Oberhoheit in den Armenvierteln. Am Wochenende sind Spezialkräfte der Polizei (Bope) in die Favela Cidade de Deus eingerückt. Schwer bewaffnet durchkämmten sie am Sonntag das Elendsviertel. Zuvor war ein Einsatzhubschrauber abgestürzt und hatte vier Polizisten in den Tod gerissen. Dann entdeckten Anwohner sieben Leichen auf einer Brachfläche. Opfer der Polizei, behaupten Anwohner. Dem Bataillon für Spezialeinsätze werden immer wieder Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

In der Favela Morro da Coroa sind die Banden offenbar noch unter sich. Derzeit versucht die ADA, das Viertel zurückzuerobern. An manchen Tagen ist über Stunden hinweg schweres Feuer zu hören. "Dabei ist doch seit 2011 hier eine Einheit der Befriedungspolizei (UPP) stationiert", wundert sich Gonçalves. Fünf Jahre lang konnte die UPP für relative Ruhe sorgen – nun scheint alles wieder beim Alten. Dazu passt auch, dass auch in dieser Favela wieder das paramilitärische Spezialkommando Bope eingreift. "Sie haben einen Bekannten von mir erschossen", sagt Gonçalves. "Er hieß Vantuil, war Motorradtaxifahrer. Ich fuhr oft mit ihm nach Hause." Als Vantuil de Oliveira während der Kämpfe seine Haustür verriegelte, traf ihn ein gezielter Schuss aus einer Polizeiwaffe. Der 35-Jährige mit den lustigen Dreadlocks war mehrfacher Vater.

Als dies erscheint wie eine Reise in die Vergangenheit Rios, in die Zeit vor Fußball-WM und Olympia. In den vergangenen Jahren war in Rio relative Ruhe eingekehrt. Viele wollten nur zu gern den Versprechungen der Politiker glauben, die der Stadt eine goldene Zukunft voraussagten. Stattdessen steht Rio ein halbes Jahr nach den Olympischen Spielen vor einem Scherbenhaufen. Die Stadt sowie der gleichnamige Bundesstaat sind bankrott. Nicht nur finanziell, sondern auch moralisch. Der neue Drogenkrieg ist nur eines von vielen Anzeichen der tiefen Krise.

Chaotische Szenen spielen sich auch vor dem Landesparlament von Rio ab. Hunderte Demonstranten stürmen das Gebäude, verwüsten Büros und den Debattensaal. Das Unglaubliche: Es sind in der Mehrheit Polizisten. Sie protestieren gegen die Kürzung ihrer Gehälter. Einige von ihnen entrollten ein Transparent. Darauf wird das Eingreifen der Streitkräfte gefordert.

Paloma Gonçalves, die als Lehrerin selbst von Gehaltskürzungen betroffen ist, lehnt das strikt ab, nennt es Faschismus. "Aber ich kann die Wut verstehen", sagt sie. "Denn wer soll die Krise ausbaden? Die kleinen Leute!"

Die Landesregierung von Rio hat Einschnitte vorgeschlagen, die fast nur öffentliche Angestellte sowie die Bevölkerung treffen. Der Betrieb der Seilbahn über den Favelakomplex Alemão wurde bereits ausgesetzt, die Gondeln stehen still. Der versprochene Neubau der beliebten Straßenbahn in Santa Teresa geht schon seit Monaten nicht voran. An vielen Stellen wurde zwar der Asphalt aufgerissen, am nächsten Tag waren die Arbeiter aber verschwunden. Die Baulöcher asphaltierte man einfach wieder zu – ohne Schienen verlegt zu haben.

Die Parlamentarier sehen dagegen keine Notwendigkeit, bei sich selbst zu sparen. Ebenso sollen große Firmen weiterhin Steuervergünstigungen erhalten, das Essen bei Empfängen luxuriös bleiben und Regierungsgebäude aufwendig saniert werden. Es sind schon barocke Zustände. Die Abgeordneten der kleinen linken Partei PSOL brachten es auf den Punkt, als sie im Parlament Schilder zeigten: "58 Millionen für Paläste, für Hospitäler die Reste."

In diese Situation platzten zwei Nachrichten von großer Symbolik: Zunächst verhaftete die Polizei Anthony Garotinho, einen ehemaligen Gouverneur des Bundesstaats Rio de Janeiro. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, ein System zum Stimmenkauf angeführt zu haben. Garotinho regierte Rio de Janeiro zwischen 1998 und 2002. Seine Frau Rosinha war zwischen 2003 und 2007 Gouverneurin von Rio, die Tochter ist Parlamentsabgeordnete in Brasília. Dass Garotinho in schmutzige Geschäfte verwickelt ist, war schon lange bekannt. Delikat an der Angelegenheit ist, dass er ein enger Vertrauter von Rios neuem Bürgermeister ist, dem konservativen evangelikalen Priester Marcello Crivella.

Nur einen Tag nach Garotinhos Verhaftung dann die eigentliche Sensation: Brasiliens Bundespolizei klopfte an ein Luxusapartment mit Meerblick im noblen Stadtteil Leblon und führte Rios Ex-Gouverneur Sérgio Cabral ab. Er hatte Rio de Janeiro zwischen 2007 und 2014 regiert und war Ziel heftiger Proteste während der Massendemonstrationen von 2013 gewesen. Er stellte seinen Reichtum zur Schau, flog gerne im Helikopter, fuhr mit seiner Yacht, trank Champagner. Ihm und neun weiteren Verdächtigen werden nun Korruption und Veruntreuung öffentlicher Gelder zur Last gelegt. Sie sollen sich umgerechnet 65 Millionen Euro angeeignet haben. Immer dann, wenn öffentliche Bauvorhaben anstanden, hätten sie die Hände aufgehalten, so die Staatsanwaltschaft. "Es ist ein lang erprobtes Schema in Rio", sagt der Anwalt Jean-Carlos Novaes. Er kämpft seit Jahren gegen Korruption und hat mehrere Fälle während der Olympischen Spiele aufgedeckt.

Für Novaes ist die Verhaftung Cabrals deswegen keine Überraschung. Seine Regierungszeit fällt in die Periode, als Rio sich auf die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele vorbereitete. "Die Stadt wurde massiv umgebaut", erklärt Novaes, "angefangen mit dem Maracanã-Stadion, der Erweiterung der Metro, dem Umbau des Hafenviertels, dem Olympiapark, der Einrichtung verschiedener Buskorridore." Es habe zahlreiche Möglichkeiten gegeben, sich zu bereichern.

Die Presse berichtet, Cabral habe Schmiergelder "oxigéno" genannt – Sauerstoff. Genau der fehlt derzeit in Rios Krankenhäusern wegen der Finanzkrise. Eine Medizinerin, die in einem öffentlichen Hospital in Rios Zentrum arbeitet, berichtet von fehlenden Medikamenten. "Es gibt nicht mal mehr freie Betten", sagt sie. Ihren Namen will sie vorsichtshalber nicht nennen.

Zu allem Überfluss nimmt nun auch die Straßenkriminalität wieder zu. "Die Kids standen plötzlich um mich herum", erzählt die Studentin Rafaela Marques, "keiner älter als 16, mit Messern bewaffnet." Im Stadtteil Recreio, unweit des Olympiaparks, rissen sie der 27-Jährigen das Handy aus der Hand, verletzten sie am Arm. Diese neuerlichen Überfälle werden mit der Wirtschaftskrise erklärt, die viele junge Männer in die Kriminalität treibe. Doch es hat auch damit zu tun, dass die Politik sich nicht mehr darum schert. Während der sportlichen Großereignisse hatten große Aufgebote von Polizei und Militär Rio sicher erscheinen lassen. Jetzt aber ist die Party vorbei.