Gesellschaftspolitik

Japan und die Senioren: Alt, älter, einfallsreich

Michael Neubauer

Von Michael Neubauer

Sa, 30. Januar 2010

Ausland

Seniorenheime mit Kindergarten, Pflegeroboter und mehr Geld für Familien: Wie Japan auf eine vergreisende Gesellschaft reagiert

D as Land sorgt sich um seine Zukunft: Japan geht gegen die Überalterung an und bereitet sich gleichzeitig darauf vor. Viele Staaten im Westen beobachten, was in Asien vor sich geht – denn ihnen blüht Ähnliches. Ein Besuch an drei Orten in Tokio, wo die Menschen über das Altwerden der Gesellschaft nachdenken:

DIE NEUE GROSSFAMILIE


Eine Schnecke aus Stein mit großen Augen wacht am Eingang. Wer sie passiert und das vierstöckige Gebäude betritt, hört Kinderstimmen. Die Knirpse schreien im Foyer, werfen die Arme hoch und schütteln die Oberkörper. Einige Senioren stehen vor der Gruppe von Fünf- bis Sechsjährigen und lächeln, ab und zu strecken sie langsam die Arme hoch. Es ist Morgen, Gymnastikzeit.

Auch Akiko Kaneko hat heute schon Dehnübungen gemacht – zusammen mit Kindern. Jetzt sitzt die 85-Jährige mit blauer Jogginghose und einer roten geblümten Weste auf dem Sofa der Fernsehecke. Sie schwärmt von ihrem Heim mit dem Namen Kotoen. Sie weiß, dass es ein besonderes Heim ist: Kotoen ist Senioren-, Pflegeheim und Kindergarten in einem.

In diesem Haus im Nordosten Tokios ist der Jüngste null, der Älteste 101 Jahre alt. Geht das gut? "Ich habe keine Angst vor den Kindern", sagt Kaneko. Eher fürchteten die Kleinen sich ein wenig, wenn sie zum ersten Mal in die Kotoen-Kita kämen. "Wir Ältere versuchen dann, sie locker zu machen." Die Senioren lesen den Kindern manchmal vor. Liebkosen sie. Einmal im Monat, wenn es ein gemeinsames Essen gibt, helfen sie den Kindern, beim Fisch die Gräten rauszunehmen. Sie helfen ihnen auch beim Umziehen, wenn sie ihr Mittagsschläfchen machen sollen. Und sie feiern gemeinsam – den Ferienbeginn oder Geburtstage.

Zehn Jahre schon lebt Akiko Kaneko in dem Heim. Früher war sie Verkäuferin, doch inzwischen hat sie keine Familie mehr, sie ist allein. Es sei so schade, dass es in Japan die Großfamilie nicht mehr so oft gibt, bedauert sie. "Dadurch, dass ich hier bin, bin ich nicht so einsam." Sie mag es, die Kinder zu umarmen. "Die Kinder sind klug, durch sie werden auch wir klüger." Die Kleinen, sie sind für die Alten Energiespender: "Durch die Kraft der Kinder werden wir fit", sagt Kaneko.

Was früher in Japan gang und gäbe war, wird heute immer seltener – selbst in dem Land, wo ...

BZ-Archivartikel

Einfach registrieren und Sie können pro Monat 15 Artikel kostenlos online lesen - inklusive BZ Plus und BZ-Archivartikeln.

Gleich können Sie weiterlesen!

Exklusive Vorteile:

  • 15 Artikel pro Monat kostenlos
  • Exklusive BZ Plus-Artikel lesen
  • Online-Zugriff auf BZ-Archivartikel
  • Qualitätsjournalismus aus Ihrer Heimat
  • An 18 Standorten in Südbaden – von 150 Redakteuren und 1500 freien Journalisten
  • Verwurzelt in der Region. Kritisch. Unabhängig.
  • Komfortable Anzeigenaufgabe und -verwaltung
  • Weitere Dienste wie z.B. Nutzung der Kommentarfunktion

* Pflichtfelder

Anmeldung

* Pflichtfelder

Meine BZ