Russland

Unterstützung für inhaftierten kremlkritischen Journalisten

Stefan Scholl

Von Stefan Scholl

Mo, 10. Juni 2019 um 20:30 Uhr

Ausland

Ein russischer Journalist recherchierte über Korruption bei Bestattungen. Nun wurde er wegen Drogenhandels festgenommen. Die Drogen seien ihm untergeschoben worden, versichert er.

Die Polizisten ignorierten Iwan Golunows Forderungen, einen Anwalt zu kontaktieren, stattdessen warfen sie ihn zu Boden, ein Beamter stellte ihm den Fuß auf die Brust, ein anderer schlug ihm die Faust ins Gesicht. So schildert Golunow seine Festnahme am Donnerstagnachmittag – Ärzte attestieren dem Opfer anschließend mehrere Blutergüsse, außerdem eine Rippenprellung. Dem 36 Jahre alten Enthüllungsjournalisten des Portals Meduza wird Drogenhandel vorgeworfen, ihm drohen bis zu 20 Jahre Gefängnis. Doch die Proteste gegen das Verfahren zeigen offenbar Wirkung: Am Samstag verhängte der Haftrichter nur Hausarrest gegen Golunow.

Willkür und Misshandlungen auf russischen Polizeiwachen sind nach Aussagen von Menschenrechtlern keine Seltenheit. Eine internationale Forschungsgruppe fand heraus, dass Polizisten Verdächtigen Drogen unterschieben, um sie erpressen oder verurteilen zu können. Auch Golunow versichert, man habe ihm Rauschgift in den Rucksack gesteckt.

Erst am Freitagmorgen war Golunows Festnahme bekannt geworden, danach starteten Kollegen eine Mahnwache vor der Moskauer Polizeihauptwache, Dutzende von ihnen wurden festgenommen. Am Samstag versammelten sich Hunderte Menschen vor dem Gericht, wo Golunows Haftprüfungstermin stattfand. 7578 Journalisten unterschrieben einen offenen Brief, der Golunows Freilassung forderte, eine Eingabe auf change.org unterzeichneten bis Montagnachmittag mehr als 150 000 Menschen. Auch kremlnahe Prominente wie der Fernsehmoderator Wladimir Posdner oder Margarita Simonjan, Chefredakteurin von Russia Today, unterstützten den Verhafteten öffentlich.

Nach Angaben seiner Redaktion arbeitete Golunow an einer Geschichte über die Moskauer Friedhofsmafia, wurde deshalb bedroht. Zuvor hatte er bereits über korrupte Bestattungsinstitute und ihre Komplizen in Behörden und Sicherheitsorganen geschrieben. "Es scheint, als wollten hier eher rangniedrige Polizeioffiziere eine konkrete Recherche stoppen", sagt der Enthüllungsreporter der Zeitung Nowaja Gaseta, Pawel Kanygin, der BZ.