Balance zwischen Kontrolle und künstlerischer Freiheit

Anne Freyer

Von Anne Freyer

Do, 29. August 2019

Staufen

Die Arbeiten von Hans Fischer in der neuen Ausstellung im Studio des Keramikmuseums Staufen nehmen Bezug auf den Barock.

STAUFEN. Wenn künstlerische Gestaltung durch besonders üppige Prachtentfaltung auffällt, wird gern der Begriff "Barock" verwendet, um sie zu beschreiben. Als Epoche hat der oder das "Barock" – beide Artikel sind zulässig – unauslöschliche Spuren hinterlassen. Als Stilrichtung wird er oder es gerne zitiert, so etwa von dem Keramiker Hans Fischer, der zurzeit mit einer Auswahl seines umfangreichen Werks im Studio des Keramikmuseums vertreten ist.

Hans Fischer lebt und arbeitet in Passau/Bayern und damit in einer Region mit besonders zahlreichen Zeugnissen für den Einfluss, den der/das Barock stets auf das Kulturleben nördlich der Alpen hatte und bis heute ausübt, so auch auf ihn, wie er bei der Vernissage im Gespräch mit Kunsthistorikerin Maria Schüly wissen ließ. Von ihr angesprochen auf die "mediterrane Anmutung" seiner Werke verwies Fischer darauf, dass der Ursprung des Barock im Italien des 16. und 17. Jahrhunderts zu verorten sei, um sich dann in ganz Europa regional unterschiedlich in Architektur, Skulptur, Literatur, Musik und eben auch Keramik zu verbreiten und durchzusetzen. Was ihn bis heute fasziniere, so Fischer, sei diese durchgängig zu beobachtende Balance zwischen Kontrolle und künstlerischer Freiheit. Als Beispiel für diese Sichtweise hatte er eine ganz in zartem Grün gehaltene Skulptur mitgebracht: ein eher kleines, korbartiges Gefäß, in dem und weit über das hinaus sich merkwürdige und nicht gleich zu erkennende Früchte türmen – Kartoffeln, denen es schwerfallen dürfte, ihre Balance zu halten, wären sie nicht aus Ton und im Brennofen zusammengebacken worden. Ähnlich erheiternd: die kleinen Kandelaber mit je einem hedonistischen Paar als Kerzenhalter, alles in unglasierter Engobe gehalten und damit die Ursprünglichkeit des Materials Ton noch verstärkend – ein "Rückgriff auf das Einfache", wie es der Künstler formulierte.

Hans Fischer gehörte zu den Glücklichen, die bei dem legendären Keramiker Jörg von Manz, der Passau zu seinem Lebensmittelpunkt gewählt hatte, seine Ausbildung machen durften. Die müsse man sich wie eine mittelalterliche Lehre vorstellen, erzählte er, geprägt vom tiefen Humanismus des Lehrherren. Von dort aus habe er sich in Italien und anderen Teilen Deutschlands umgesehen und weitergebildet, um 1983 zusammen mit seiner Frau, ebenfalls Keramikerin, nach Passau zurückzukehren und eine eigene Werkstatt zu gründen. Fischers Arbeiten sind inzwischen in namhaften Galerien vertreten und begehrte Sammlerobjekte. Für die Staufener Ausstellung hat der den Titel "Leichterhand" gewählt als Verweis auf seine ungebändigte Leidenschaft für das Unwägbare, aber auch als Ausdruck seines tief empfundenen Glücks darüber, in seiner Arbeit seinem Sinn für stille Poesie und seinem ganz eigenen Humor freien Lauf lassen zu dürfen.

Kontrabassist Markus Lechner aus Freiburg umrahmte die Ausstellungseröffnung musikalisch. Er trug mit seinem eindrucksvollen Instrument überraschend variantenreich kleine Melodien vor, die gut zu den Kunstobjekten passten.