Gendergerechte Sprache

Bedeutung für die nicht-männliche Bevölkerung

Ferdinand Gesell

Von Ferdinand Gesell (Grenzach)

Mo, 01. März 2021

Zu diversen Leserzuschriften zur gendergerechten Sprache (Forum, 13. Februar)

Ich bin froh, dass die BZ meine Leserzuschrift am 13. Februar nicht veröffentlicht hat, denn dort hatte ich die gendergerechte Sprache als Dummheit abgetan. Die weiblichen Zuschriften dieser Ausgabe haben mir jedoch vor Augen geführt, welche Bedeutung die Sache für die nicht-männliche Bevölkerung hat. Da ich mich nicht als Macho fühle, werde ich gerne den kleinen Tribut an die moderne Welt zahlen, wenn es Frauen glücklich macht. Wir haben genug Streit auf der Welt, der nicht derart leicht ausgeräumt werden kann.

Allerdings bitte ich die Frauen, diesen Punkt der Diskriminierung auch etwas zu relativieren. Er hat nicht die gleiche Bedeutung wie die gleichberechtigte Teilnahme am öffentlichen Leben (Wahlrecht, Parität in Chefetagen, Zwangsehen und so weiter). Gleichsam als Entschuldigung möchte ich hinzufügen, dass ich in dem Alter bin, welches bevorzugt geimpft werden darf. Ich habe also gewisse Entwicklungen erlebt und bin diesem Tempo vielleicht nicht mehr ganz gewachsen. Zum Beispiel gab es in meiner Jugend ältere Damen, die als "Fräulein" angesprochen werden wollten. Ein gut erzogener Mensch hat das getan. "Schwul" war ein Schimpfwort, "Friseuse" dagegen nicht. Das Wort "Gender" habe ich erst als Rentner kennengelernt. Vorher wurde noch die Bibel in weibliche Sprache übersetzt. Das Outen wurde erst in jüngster Zeit gesellschaftsfähig. Aus dieser Lebenserfahrung heraus stelle ich fest, dass das Gendern jetzt die Gegenwart erreicht hat. Es wird sich die Zukunft mit Gesetzen erobern, und die Aufregung darüber wird sich legen.

Wie sich das Ganze auf die Literatur auswirken wird, würde ich gerne noch erleben. Es bleibt zu hoffen, dass Sprachhygienikerinnen, nachdem der Kampf abgeklungen ist, sich dann nicht auch der Vergangenheit widmen und im Literaturarchiv Marburg nach missverständlichen Äußerungen unserer Vorfahren suchen und diese korrigieren. Man darf der menschlichen Urteilskraft vertrauen, den Wörtern einen Sinn zuzuordnen.

Ferdinand Gesell, Grenzach