"Da sieht man halt, dass es kein Leichtathletik-Land ist"

dpa

Von dpa

Sa, 09. November 2019

Behindertensport

Deutsche Top-Athleten wie Niko Kappel kritisieren die Vergabe der Para-Weltmeisterschaft nach Dubai.

DUBAI (dpa/str). Dass er sich mit seiner offenen Kritik am Ort und am Zeitpunkt der Veranstaltung zusätzlich unter Druck gesetzt hat, ist Niko Kappel bewusst. "Ich weiß, dass ich jetzt erst recht liefern muss", sagt er: "Sonst kann das schnell zum Bumerang werden."

Doch es war dem Kugelstoßer aus Sindelfingen ein Anliegen, vor der Para-Weltmeisterschaft der Leichtathleten in Dubai auf Missstände hinzuweisen. "Wenn eine WM im Jahr vor den Paralympics in ein Land ohne Sportkultur vergeben und dafür in den November verschoben wird, muss ich laut fragen warum. Und das soll das Internationale Paralympische Komitee auch ruhig mitkriegen", sagt der 24-Jährige. Zum einen könne er vom Typ her nicht anders. "Vielleicht kommen da auch der Kaufmann und die politische Person in mir hoch", sagt der gelernte Bankkaufmann, der für die CDU in seinem Heimatort Welzheim im Ortsrat sitzt.

Doch Kappel fühlt sich aufgrund seiner Rolle auch verpflichtet, Flagge zu zeigen. Er ist Paralympics-Sieger, er ist seit vergangenem Jahr Profi und er ist eines der größten Aushängeschilder des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). Seit er als Wahlmann bei der Kür von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier berufen wurde und einen Bühnentalk mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hielt, hat er den Beinamen "Außenminister des DBS". Und als solcher muss man auch mal den Mund aufmachen. Hinfliegen, Gold gewinnen, zurückfliegen: Das reicht ihm nicht. Der Verband hielt ihn auch nicht zurück.

"Ich freue mich über selbstbewusste Athleten, die auch außerhalb des Stadions zu wichtigen sport- und gesellschaftspolitischen Themen Stellung beziehen", sagt DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher: "Niko hat sich binnen kurzer Zeit zu einem hervorragenden Botschafter des Para-Sports entwickelt." Auch Beucher selbst äußert Kritik an Dubai. "Es gibt einen großen Drang der Golfstaaten nach Reputation", sagte er nach Angaben der Internetseite http://www.sportschau.de "Die Sportverbände folgen diesem Drang bereitwillig und nehmen schlechte Wettkampfbedingungen in Kauf." Dabei seien die Golfstaaten gar nicht geeignet für Freiluftveranstaltungen des Sports: "Deshalb habe ich die IPC-Entscheidung ebenso mit Kopfschütteln kommentiert wie die Vergabe der Fußball-WM an Katar." Einige Bedenken haben sich vor Ort schon bestätigt. "Von den Trainings-Ringen ist einer stumpf und einer ganz glatt, weil er extra vorher noch lackiert wurde", sagt Kappel: "Und den Sprintern sollten zwischenzeitlich Spikes verboten werden, die überall sonst erlaubt sind. Da sieht man halt, dass es kein Leichtathletik-Land ist." Eine Ausrede für schwache Leistungen könne das aber nicht sein. "Als Profi muss man sich auf alle Bedingungen einstellen", sagt Kappel. Deshalb reiste er auch schon am Sonntag an statt noch einige Tage in der Heimat unter besseren Bedingungen zu trainieren. Wegen der drei Stunden Zeitverschiebung und des Wettkampfs am Sonntagmorgen trainierte er in Deutschland zuletzt in aller Frühe. "Und das mit dem Wetter kriegen wir als Werfer hin", sagt er: "Wir müssen ja nicht 3000 Meter im Kreis laufen."

Für seine Freundin Luisa, die Eltern und die Frau seines Trainers Peter Salzer, die ihn vor Ort unterstützen, seien die Bedingungen sogar ideal. "Wenn sie schon ihren Urlaub opfern, um mich zu begleiten, freut es mich, dass sie wenigstens in der besten Reisezeit hier sind", sagt er lachend. Zudem könnten vier zusätzliche Zuschauer im erwartet leeren Stadion "für 50 Prozent mehr Stimmung sorgen".
Unterstützung kann auch nicht schaden. Ist seine Klasse nach einem wahren Weltrekord-Wettbieten diverser Athleten in diesem Jahr doch eine der stärksten. "Für Gold muss es wohl erneut Richtung Weltrekord gehen", sagt Kappel. Auch unter diesen Bedingungen.

29 deutsche Para-Sportlerinnen und Para-Sportler kämpfen in Dubai und Gold, Silber und Bronze. Aus südbadischen Vereinen ist laut http://www.sportschau.de niemand dabei.