Raumfahrt

China hat mit dem Bau einer eigenen Raumstation begonnen

dpa

Von dpa

Do, 29. April 2021 um 19:42 Uhr

Panorama

Während das Ende der internationalen Raumstation ISS naht, baut China eine eigene Raumfahrtnation. Jetzt hat eine Rakete das Hauptmodul des "Himmelspalast" ins All gebracht.

China hat mit dem Bau einer eigenen Raumstation begonnen. Zum Auftakt des bisher größten Projekts der jungen Raumfahrtnation brachte eine Rakete am Donnerstag das Hauptmodul "Tianhe" (Himmlischer Frieden) in eine Erdumlaufbahn. Problemlos hob die leistungsfähige neue Trägerrakete vom Typ "Langer Marsch 5B" vom Raumfahrtbahnhof Wenchang auf der südchinesischen Insel Hainan ab. Zehn Minuten nach dem Start trennte sich das Modul erfolgreich von der Rakete, was lauten Applaus im Kontrollzentrum auslöste. Auch die Sonnensegel öffneten sich wenig später reibungslos.

Knapp drei Jahrzehnte nach den ersten Plänen für die Station beginnt China damit, sich den Traum eines ständigen Außenpostens im All zu erfüllen. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping gratulierte zum Erfolg. Er nannte die Raumstation ein "wichtiges Leitprojekt für den Aufbau eines starken Landes in Wissenschaft, Technik und Raumfahrt".

Das 22 Tonnen schwere Modul wird den Kern der Raumstation bilden, die "um 2022" fertig gestellt werden und "Tiangong" (Himmelspalast) heißen soll. Das Hauptmodul ist 16,6 Meter lang und hat einen Durchmesser von 4,2 Metern. Es ist das größte Raumschiff, das China jemals gebaut hat. "Allgemein demonstriert eine Raumstation die Breite der Raumfahrttechnik in einem Land", sagte der frühere deutsche Astronaut Reinhold Ewald, heute Professor an der Universität Stuttgart.

Wenn die technisch veraltete internationale Raumstation ISS wie geplant in den kommenden Jahren ihren Dienst einstellt, wäre China danach die einzige Nation, die einen ständigen Außenposten im Weltraum betreibt. Wegen Bedenken der USA war China nicht eingeladen worden, an der internationalen Raumstation mitzuwirken.

Zwei weitere Raumflüge in den kommenden Wochen

Schon in den kommenden Wochen werden zwei weitere chinesische Raumflüge folgen. Im Mai soll das Cargo-Raumschiff "Tianzhou 2" mit Treibstoff und Versorgungsgütern andocken. Auch bereiten sich drei Astronauten vor, an Bord von "Shenzhou 12" im Juni zu "Tianhe" zu fliegen. Sie sollen drei Monate bleiben. Die Bauphase erfordert einen gedrängten Flugplan: Insgesamt sind elf Flüge geplant – drei Flüge mit Modulen, vier Frachtmissionen und vier bemannte Raumflüge.

Die Raumstation wird in einer Höhe von 340 bis 450 Kilometern die Erde umkreisen. Drei Raumschiffe können gleichzeitig andocken – zwei auch für längere Zeit. Das Kernmodul sorgt für Strom und Antrieb. Es bietet Unterkünfte für drei Astronauten, die bis zu sechs Monate an Bord bleiben können. Zwei ähnlich große Teile für wissenschaftliche Experimente sollen t-förmig angebaut werden. Die Station ist für eine Laufzeit von zehn Jahren ausgelegt, könnte aber mit entsprechender Wartung vielleicht auch mehr als 15 Jahre betrieben werden.

"Wir werden lernen, wie ein großes Raumschiff in einer Umlaufbahn zusammengebaut, betrieben und unterhalten wird", sagte der Chefdesigner der Raumstation, Bai Linhou, der Nachrichtenagentur Xinhua. Mit "Tiangong" wollten sie ein Raumlabor schaffen, "um lange Aufenthalte von Astronauten zu unterstützen und umfassende wissenschaftliche, technologische und angewandte Experimente vorzunehmen." Der bisher längste Aufenthalt eines chinesischen Astronauten im All dauerte 33 Tage.

Der "Himmelspalast" soll mit der "Mir" vergleichbar sein

Chinas Raumstation wird nur rund ein Sechstel der Masse der ISS haben, die es auf mehr als 400 Tonnen bringt. "Himmelspalast" ist laut Experten eher mit der früheren russischen Raumstation "Mir" vergleichbar. "Sie folgen in der Optik auch sehr stark dem russischen Vorbild", sagte Ex-Astronaut Ewald, der 1997 an Bord der "Mir" war und später federführend die Flüge europäischer Kollegen zur ISS vom Boden aus unterstützt hat.

Neben wissenschaftlichen Versuchen in Schwerelosigkeit, im Vakuum und unter Strahlung bietet die chinesische Station neue Möglichkeiten, um Systeme für weitere Missionen in die Tiefen des Weltraums zu entwickeln. "Es lässt sich testen, wie Menschen ins All vorstoßen können und was man auf dem Weg zum Mond oder Mars noch braucht", sagte Professor Ewald.

Eigentlich sollte der Bau der Raumstation schon früher starten, aber Probleme mit der neuen, tragfähigen Rakete sorgten für Verzögerungen. China, das 2002 seinen ersten Astronauten ins All brachte, verfolgt ein ambitioniertes Programm im Weltraum: Zuletzt wurde Ende vergangenen Jahres erstmals Gestein vom Mond zur Erde gebracht. Auf der abgewandten Seite des Erdtrabanten operiert gegenwärtig ein chinesisches Mondfahrzeug. China plant zudem, in den kommenden Wochen auf dem Mars zu landen und einen Rover auszusetzen.